Wiki-Geschichte

1994, als 4stellige Preise für CD-ROM-Laufwerke noch üblich waren, erschien die Encyclopædia Britannica erstmals auf CD-ROM. 1996 brachte Microsoft mit Encarta eine neuartige, multimediale Enzyklopädie auf CD-ROM (später auf DVD) heraus, die selbst bei notorischen Microsoft-Gegnern großen Respekt erntete. Diese beiden Produkte verankerten die Möglichkeit digitaler, bildschirmorientierter Wissensvermittlung in zahlreichen Köpfen.

Der Boom des World Wide Web, der ebenfalls Mitte der 90er Jahre einsetzte, verstärkte die Tendenz zur elektronischen Präsentation von Inhalten. Was die Inhalte im Web betraf, so machten sich die meisten Website-Anbieter darüber allerdings weniger Gedanken. Es galt zunächst, überhaupt im Web präsent zu sein, und auf kommerzieller Seite wurde versucht, erhoffte Pfründe zu sichern. Auch die Web-User waren zunächst unerfahren genug, um sich mit spärlicher Information und billiger Leuchtreklame zu zufrieden zu geben. Als Endbenutzer hatte man genug damit zu tun, sein Modem zu bewegen, die kostspielige Internetverbindung aufzubauen und zu aufrecht zu halten.

Dennoch wurde in genau dieser hektischen ersten Boom-Phase des Web auch die Idee der Wikis geboren. Der amerikanische Programmierer Ward Cunningham, der maßgeblich an zwei modernen Programmierparadigmen beteiligt ist, nämlich an Design Patterns (Entwurfsmuster) und Extreme Programming, erfand 1995 eine zunächst noch wenig beachtete, neuartige Webanwendung: das sogenannte WikiWikiWeb. Die Site, für die diese Anwendung gestrickt wurde, ist noch heute online und verbreitet originalen HTML-2.0-Charme. Die schlichte Aufmachung täuscht jedoch: das WikiWikiWeb beinhaltet bereits viele Konzepte moderner Wiki-Systeme.

WikiWikiWeb

Hinter c2 verbirgt sich der Name einer amerikanischen Software-Schmiede. Deren eigentlicher Name lautet Cunningham&Cunningham. Im Rahmen seines Konzepts für Extreme Programming richtete Ward Cunningham 1995 das sogenannte Portland Pattern Repository im Web ein. Das Ziel war ein Projekt, in dem interessierte Fachleute Details zum Thema Extreme Programming zusammen tragen können. Der dafür zusammengestrickte Webanwendung gab Ward Cunningham den Namen WikiWikiWeb.


Das Ur-Wiki von Ward Cunningham: WikiWikiWeb

Die einprägsame Bezeichnung Wiki verdanken wir der Tatsache, dass Cunningham öfters nach Hawaii kam. Am Flughafen erklärte man ihm, er solle den Wiki-Wiki-Bus nehmen, der die Terminals verbindet. Auf seine Nachfrage hin erfuhr Cunningham, dass wiki wiki im Hawaiianischen so viel wie schnell bedeutet. Schnell und unkompliziert sollte auch das Bearbeiten von Inhalten in seiner Webanwendung sein.


Diesem Bus verdanken die Wikis ihren Namen

Während die großen Lexikonverlage sich schwer taten mit Internet-Versionen ihrer Enzyklopädien, entstanden innerhalb des Webs neue Projekte dieser Art. Eins davon nannte sich Nupedia und startete im März 2000. Die Gründer von Nupedia waren zwei Amerikaner namens Jimmy Wales und Larry Sanger. Nupedia wurde von einem kleinen Kreis von Fachautoren gepflegt. Die Artikel wurden streng geprüft und hatten durchweg hohes Niveau. Ein anderes, konkurrierendes Webprojekt sollte GNUpedia werden, das vom Urvater der OpenSource- und OpenContent-Bewegung Richard Stallman initiiert worden war. GNUpedia war offener und auch für Laien-Autoren konzipiert. Die Situation der beiden verklüngelten und doch konkurrierenden Online-Enzyklopädie-Ansätze war jedoch auf die Dauer unbefriedigend für alle Beteiligten.

Jimmy Wales zog daraus seine Konsequenzen. Unter dem für Nupedia drohenden Konkurrenzdruck, der von GNUpedia ausging, implementierte er eine Art Sammelbecken für Nupedia. Das Ziel war es, mehr Autoren aus der breiten Öffentlichkeit zu gewinnen. Gute Artikel aus dem Sammelbecken sollten dann in Nupedia übernommen werden. Bei der Software für die Webanwendung des Sammelbeckenprojekts orientierte sich Wales an Cunninghams WikiWikiWeb. Wales taufte sein Sammelbecken Wikipedia.

Das Wikipedia-Konzept war jedoch so überzeugend und wuchs binnen kürzester Zeit so schnell, dass sowohl Nupedia als auch GNUpedia alsbald nur noch Makulatur waren. Bereits nach zwei Monaten hatte Wikipedia über 2000 Artikel, und es wurden bereits mehrsprachige Versionen implementiert. Die Wachstums-Statistik der Artikelzahlen liest sich wie ein Märchen. Nach einem halben Jahr, also Mitte 2001, verzeichnete die englische Version bereits über 3.000 Artikel, die im Mai 2001 gegründete deutsche Version kam zum gleichen Zeitpunkt auf etwas über 300 Artikel. Im Dezember 2002 wurden erstmals mehr als 100.000 Artikel in der englischen Version gezählt. Die deutsche Version lag zeitgleich bei knapp unter 10.000 Artikeln. Derzeit (Stand: Juni 2007) kommt die englische Version auf etwa 2.400.000 Artikel und die deutsche auf knapp 760.000. Zum Vergleich: der Brockhaus multimedial premium, Ausgabe 2007, bringt es gerade mal auf 260.000 Artikel.

Ein wichtiger Aspekt für den Erfolg von Wikipedia war, dass Jimmy Wales, der anfänglich noch versuchte, seine Webprojekte über Werbeeinnahmen zu finanzieren, rechtzeitig erkannte, dass er sein Ziel damit nicht erreichen würde. Wikipedia wurde werbefrei, und stattdessen setzte Wales bei der Wiki-Software auf OpenSource und beim Inhalt auf eine Lizenzform aus dem OpenContent-Bereich, die sogenannte GNU Free Documentation License. Wer bei Wikipedia publiziert, akzeptiert damit diesen rechtlichen Rahmen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden an die dafür gegründete Wikimedia-Stiftung.

Bis zum Winter 2010/2011 waren Wikis in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend gleichbedeutend mit Wikipedia. Zwar gibt es seit Jahren erfolgreiche und auch weniger erfolgreiche, wiki-basierte Websites und Intranets. Doch die Assoziation von Wiki und Lexikon hielt sich im allgemeinen Bewusstsein hartnäckig, bis der Ausdruck plötzlich wochenlang in den Top-Themen der Nachrichten vorkam: nämlich in Form von Wikileaks, dem Robin-Hood-Projekt der Neuzeit, das die US-amerikanische Diplomatie vorführte wie einen ertappten Schüler. Mit dem umstrittenen, aber auch charismatischen Wikileaks-Gründer Julian Assange bekam die trockene Software-Gattung der Wikis plötzlich den Nimbus einer E-Gitarre für Rockmusik - wobei dazu gesagt werden muss, dass Wikileaks-Inhalte gar nicht mehr wie anfänglich in ein Wiki einfließen. Stattdessen ist die Veröffentlichungspolitik von Wikileaks seit dem großen Durchbruch völlig chaotisch und willkürlich. Der öffentliche Eindruck der "starken Wikis" verstärkte sich indessen noch, als wenige Wochen nach der Wikileaks/Assange-Affäre ein anderes Wiki dafür sorgte, den heimlichen König der Deutschen, Freiherr Theodor zu Guttenberg, zu entthronen. Akribisch und in verblüffender Geschwindigkeit trugen hunderte von Usern Plagiatsnachweise zu Guttenbergs Doktorarbeit im sogenannten GuttenPlag-Wiki zusammen. Darin offenbarte sich gnadenlos die Macht von Crowd-Sourcing und zielgerichteter Schwarmintelligenz.

Wikis können also auch Wahrheiten aufdecken, so viel hat die Öffentlichkeit aus Wikileaks und dem GuttenPlag-Wiki gelernt. Es wäre aber der falsche Schluss, Wikis deswegen aus unternehmerischer Sicht als gefährliche, destruktive und subversive Vernetzungsmaschinen unzufriedener Mitarbeiter zu betrachten. Richtig ist allerdings, dass Wikis im Enterprise-Umfeld nur erfolgreich einsetzbar sind, wenn Hierarchien und Formalien hinter Kooperation auf Augenhöhe zurücktreten.

 

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