Ungewöhnlich an HTML 5 ist zunächst, dass es nach HTML 4.01 eigentlich gar keine neue HTML-Version mehr geben sollte. Das W3-Konsortium (http://www.w3.org/) hatte um die Jahrtausendwende beschlossen, XML zum alleinigen Markup-Standard im Web zu machen. HTML als SGML-basierte Markup-Sprache passte nicht mehr in dieses Konzept hinein. Weiterentwickelt werden sollte stattdessen nur noch das XML-basierte XHTML.
War XHTML 1.0 noch eine reine „Reformulierung“ von HTML 4.01 mit den Mitteln von XML, so ging XHTML mit den Versionen 1.1 und 2.0 eigene Wege. Beide Versionen sind allerdings nie zum Status einer Recommendation (also einer offiziellen Empfehlung) gelangt. XHTML 1.1 war einmal ein Candidate for Recommendation, wurde dann aber wieder zur Working Draft (Arbeitsentwurf) zurückgestuft. Beide Dokumente stehen also aktuell im aufwändigen Review-Verfahren für Spezifikationen des W3-Konsortiums relativ weit unten.
Es war aber nicht nur die lange Wartezeit. Die Konzepte, die das W3-Konsortium mit XHTML 1.1 und XHTML 2.0 verfolgte, wurden von vielen Webentwicklern als praxisfern empfunden. Dringend gewünschte Neuerungen blieben dagegen unberücksichtigt. Das führte im Lauf der Monate und Jahre zu einer immer größeren Entfremdung zwischen dem HTML-Entwicklerstab des W3-Konsortiums und der Gruppe der am Fortschritt der Standards interessierten Entwickler.
Der Leidensdruck wurde so stark, dass sich im Jahr 2004 eine Initiative bildete, die den Anspruch erhob, Webstandards praxisgerecht weiterzuentwickeln. Diese Initiative mit Namen WHATWG (steht für Web Hypertext Application Technology Working Group), im Web zu finden unter http://www.whatwg.org/, wurde als Zusammenschluss der Mozilla Foundation, von Opera Software und Apple Computer gegründet.
Zunächst arbeitete die WHATWG an speziellen Einzelentwürfen, etwa für mehr Basisfunktionalität bei HTML-Formularelementen oder für eine direktere (Java)Script-Unterstützung in HTML. Aus den Einzelentwürfen erwuchs schließlich der Entwurf der komplett neuen HTML-Version 5. In der Terminologie der WHATWG wird die Spezifikation für HTML 5 auch als Spezifikation für Web Applications 1.0 bezeichnet. Leider sorgt diese überflüssige Doppelbezeichnung für zusätzliche Verwirrung.
Ungewöhnlich ist an HTML 5 weiterhin, dass es keine SGML-Ausprägung mehr ist, sondern quasi eine Markupsprache ohne konkreten Bezugsrahmen. Es gibt auch gar keine DTD (Document Type Definition) mehr für HTML 5. Um die XML-Welt zu bedienen, soll es allerdings eine nach XML-Regeln definierte Variante von HTML 5 geben, die als XHTML 5 bezeichnet wird. Doch auch für XHTML 5 wird es keine öffentliche DTD geben. Und auch hier Verwirrung auf ganzer Linie. XHTML 1.0 neben HTML 4.01, dann die gleichzeitige Entwicklung von XHTML 1.1 und 2.0, und nun ein flotterVersionssprung auf XHTML 5.
Hinter dem Versionswirrwarr stehen jedoch gute Absichten. Mit HTML5/XHTML 5 möchte man eine einheitliche Basis für beide Markup-Typen errichten. Die Spezifikation zu HTML 5 soll direkte und eindeutige Vorgaben für HTML-Parser von Browsern machen. Die Spezifikation zu XHTML 5 soll die Regeln der XML-Welt berücksichtigen und richtet sich an XML-Parser. HTML 5 soll also die Sprache für gewöhnliche Webseiten werden, während XHTML 5 wohl eher für Software-Prozesskommunikation und für speziellere Umgebunen interessant sein dürfte, in denen das Konzept verschiedener Namensräume im gleichen XML-Dokument zum Tragen kommen soll.