Das Internet - Vorgarten oder hohe See?

03.11.1999

In einem […] Forum, das man mit guten Gründen als die „Höhle des Loewen“ bezeichnen kann, hat „HJK“, ein Stammgast dort im Forum, einen wirklich wunderbaren Satz formuliert:

So langsam rächt sich der Fluch der bösen Tat, das Internet als Vorgarten der BRD zu betrachten und nicht als eine eigene Region, etwa wie die hohe See.

Es geht in dem Thread, aus dem dieser wunderbare Satz stammt, um das Thema, das wir hier auch schon hatten: um die Meldung, dass die Firma Unisys, Inhaberin der Rechte am LZW-Kompressions-Algorithmus, offenbar anfängt, Web-Seiten abzumahnen, die GIF-Grafiken enthalten, welche mit einem nicht lizenzierten Tool erstellt wurden. Da niemand bislang so richtig durchblickt bei alledem, ist jeder, der GIF-Grafiken auf seinen Seiten hat, ein potentielles Abmahnopfer.

Aber das mit den GIFs ist ja nur das neueste Stück im Theater des einträglichen juristischen Geschäfts mit dem Internet. Man kann auf Webseiten eigentlich kaum noch irgendeinen Fachbegriff, einen Eigennamen oder ein Phantasiewort verwenden, ohne Gefahr zu laufen, dass irgendwelche Rechte daran hängen. Niemand kann all diese Rechtsansprüche aus irgendwelchen Marken- und Patenteinträgen kennen. Aber Mandanten-Anwälte benutzen Suchmaschinen, finden ganz bequem und schnell Seiten, auf denen das rechtsverletztende Wort ohne Hinweis auf die Marke oder das Patent vorkommt, und mahnen erst mal fleißig ab. Zu Gerichtsverhandlungen kommt es meistens nicht, weil die Betroffenen so geschockt sind, dass sie einfach nur die Abmahnung zahlen und danach zusehen, dass sie nicht noch mehr Ärger bekommen, was ja auch absolut verständlich ist. Aber so funktioniert das Internet 1999! Leute, wacht auf und reibt euch die Augen!

Die ganzen „Fälle“ der Abzockerei haben eines gemeinsam: in allen Fällen wird versucht, lokales Recht auf ein weltweites Medium anzuwenden, das rechtlich gesehen eigentlich einen Status haben müsste wie — ja wie? — Und da fand ich den Vergleich von HJK so genial: ja, so wie die Hohe See!

Ich denke, wir brauchen ein international gültiges Internetrecht, so wie es ein international gültiges Hochseerecht gibt! Damit die Abzocke ein Ende hat, und damit das Web ein Medium bleibt, in dem man angstfrei publizieren kann.


Ursprünglich gepostet im SELFHTML Forum:
http://forum.de.selfhtml.org/archiv/1999/11/t7852/#m39453


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