Wie entsteht Gemeinschaft?

05.05.1999

"Community" ist im Deutschen mit "Gemeinschaft" übersetzbar, was nur nicht ganz den coolen Internet-Hype-Touch trifft, den dieser Begriff im Englischen derzeit hat. Trotzdem ist es für das, was ich versuche hier bewusst zu machen besser, sich an den biederen deutschen Begriff zu halten als an den hippen englischen.

Gemeinschaft entsteht, wenn sich Menschen irgendwie finden und zusammenraufen. Die deutsche Sprache ist manchmal ziemlich genial, auch in diesem Fall: „zusammenraufen“ — wenn man sich das mal durch die Sinne gehen lässt, brauche ich gar nicht mehr viel zu sagen. Aus einer heterogenen Gruppe, in der die Mitglieder aufgrund eines losen Interesses (Webseitenerstellung&Co.) aufeinandertreffen und immer mehr voneinander zu hören (lesen) bekommen, beginnen sie immer heftiger, aufeinander zu reagieren. Schaut euch manche anderen Foren an, da wird eine Frage gestellt, eine Antwort gegeben, aber es entsteht nichts, passiert nichts weiter. Weil es gar nicht so weit kommt, dass mal jemand dieses Schema zu durchbrechen wagt. Hier habe ich selber natürlich frühzeitig dieses Schema zu durchbrechen versucht, weil es mir wichtig war, nicht nur ein seelenloses Frage-Antwort-Forum zu haben. Aber wie sich stattdessen alles entwickeln würde, wusste ich auch nicht.

Klar ist nur: wenn man die Seelenlosigkeit durchbricht, wenn das Menschliche plötzlich durch die Zeilen blitzt, wenn Meinungen, Emotionen sich artikulieren, dann reizt das. Es kommt dann leicht zu „explosiven“ Threads, die sich vordergruendig nervig lesen, weil da wieder mal ein paar Hanseln rumflamen. Aber im grunde passiert da etwas ganz und gar Außerordentliches: Durch ein paar Kilobyte Perl-Code gesteuert, entfaltet sich die gesamte Palette menschlicher Sympathien und Antipathien (ein Effizienz-Index für Software, der meines Erachtens derzeit nicht zu überbieten ist). Da ist ein Raum, den man sich vorstellen kann, obwohl er nur aus Buchstaben mit ein wenig Layout drumherum besteht. Aber es sind halt Menschen darin, die man mag oder auch weniger. Wie in der Stammkneipe, in der Schulklasse oder im Großraumbüro.

Es ist deshalb normal, wenn ein gewisser Prozentsatz der Messages (ich schätze, es sind so um die 10-20%, und das halte ich für in Ordnung so) keinem fachlichen Zweck dient, sondern ausschließlich kommunikativen Zwecken. Wie schon erwähnt, lesen sich solche Messages manchmal wie olle Privatfehden. Aber nicht selten entsteht durch produktives Gegeneinander neuer Zusammenhalt, Gemeinschaft eben. Und deshalb akzeptiere ich Messages dieser Art, und akzeptiere sie nicht nur, sondern finde sie auch wichtig. Denn das schier unglaubliche fachliche Engagement einiger Leute hier — was glaubt ihr, woher das kommt? Richtig: diese Leute sehen hier eine Gemeinschaft, in der es viele Hilfesuchende gibt, und wo sie als Know-How-Träger eine wichtige Funktion ausüben können. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret als Helfer, die auch beachtet werden. Es entsteht das gleiche stolze Gefühl wie bei den Leuten, die gemeinsam Sandsäcke an bedrohte Deiche schleppen, mit den Fernsehkameras daneben. Solange kein reines Flame-Forum daraus wird, und solange der fachliche Standard gehalten wird (ich habe derzeit nicht den Eindruck, als ob der unter solchen Threads leidet), gehören solche Dinge also aus meiner Forumsbetreibersicht zum Alltag.


Ursprünglich gepostet im SELFHTML Forum:
http://forum.de.selfhtml.org/archiv/1999/5/t3422/#m16412


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