Testartikel

Der einsame Dichter in seiner stillen Kammer, der nur für seine Werke lebt, bin ich sicher nicht, wenn ich meine Art von Büchern schreibe. Meine Bücher entstehen eher zwischen Tür und Angel, mitten im Alltag, mit dem Laptop auf Indoorspielplätzen oder sonstwo, wenn gerade Zeit ist zwischen beruflicher Arbeit und familiären Aufgaben. Dennoch habe auch ich etwas von einem Dichter. Denn ich verdichte die pralle Faktenflut rund um HTML und CSS zu einer Art Dekolleté für möglichst tiefe Einblicke.

Meine Arbeit dabei ist nun erst einmal wieder geschafft. Das von Grund auf neu geschriebene HTML5-Handbuch geht in Kürze in den Druck. Das Buch, das hier auf Webkompetenz online entstanden und vollständig online verfügbar ist, wird etwa 700 Seiten haben. Deutlich weniger das frühere, denn neben einigen Peripherkapiteln wurde auch das ganze Thema JavaScript/DOM herausgenommen. Aus HTML5-Sicht erscheint das zunächst widersinnig, denn schließlich ist HTML5 sozusagen die Verheiratung von Markup und Scripting. Doch zum einen sind auch schon die zahlreichen Markup-Aspekte von HTML5 nicht unbedingt trivial, und zum anderen sind viele der neuen Scripting-Schnittstellen noch nicht wirklich im beschreibbaren Praxisstadium angekommen. Einige werden vermutlich auch nie für die breite Masse der Webentwickler von Bedeutung sein. Es ist auf jeden Fall geplant, das Thema Scripting zu einem späteren Zeitpunkt zu ergänzen. Eventuell aber auch in Form eines eigenen, ergänzenden Buchs, das nicht unbedingt von mir stammen muss.

Die schwierige Zielgruppenfrage

Es war aus verschiedenen Gründen keine leichte Wegstrecke, dieses Buch zu schreiben. Wenn ich, was oft genug vorkam in den letzten Monaten, überlegte, für wen ich das HTML-Handbuch eigentlich schreibe, dann wusste ich immer weniger, wer das eigentlich ist. Die Zielgruppe verschwimmt. Ein paar Verrückte, die noch kein CMS mit Wysiwyg-Editor benutzen? Man wird ja schon als halb verrückt betrachtet, wenn man sich noch mit Systemen wie Typo3 abgibt, statt einfach gleich alles mit Wordpress zu erledigen, auch wenn das eigentlich eine Blog-Software ist. Wer also braucht noch HTML oder CSS? Niemand mehr. Außer diejenigen, die ihre Wordpress-Templates individualisieren wollen. Oder diejenigen, die volle Kontrolle über das Markup ihrer Blogartikel wünschen. Oder E-Bay-Seller, denen das ewige <font size="7"> auf die Dauer zu klein ist. Oder Java-Entwickler aus der Börsen- und Bankenszene, die Output in HTML erzeugen müssen. Keine Ahnung. Es gibt sie jedenfalls, die HTML- und CSS-Interessierten. Ich habe sie nur nicht mehr so konkret vor Augen wie früher, weil sie nicht mehr so homogen und berechenbar sind. Ich schreibe für User, deren Gründe, ins HTML-Handbuch zu gucken, ich nur erahnen kann. Einfacher fällt das Schreiben dadurch nicht.

Das schwierige Erbe

Weiterhin steht natürlich das Verhältnis zum ehemaligen SELFHTML-Projekt im Raum. In dem neuen HTML5-Handbuch ist, auch wenn es nicht mehr unter SELFHTML-Flagge läuft, durchaus wieder SELFHTML drin — in dem Sinne, dass die grundsätzliche Gliederung, der Aufbau von Abschnitten und die Art der Stoffvermittlung auf den bewährten Konzepten von SELFHTML basieren. Eine Art beamtenhaftes, systematisch vorgehendes Gegengewicht zum schnelllebigen Tutorial-Hype, wenn man so will. Bei alledem hatte ich aber keine Lust mehr auf die alten SELFHTML-Texte. Nur wenig habe ich einfach kopiert. Ich wollte etwas Neues, auch auf die Gefahr hin, dass ich damit bewährte Beschreibungen ohne Not über den Haufen schmeiße. Ich habe letztlich das getan, was ich auch getan hätte, wenn ich SELFHTML 9 als Autorenprojekt allein angegangen wäre. Nur, dass es kein SELFHTML 9 ist. Und warum eigentlich nicht? Weil es nicht so heißt? Weil es nur der Online-Text eines kommerziellen Buchprojekts ist? Weil es nicht mehr unter der Flagge von SELFHTML läuft? Weil es nicht mehr den Mythos SELFHTML bedient und stattdessen auf einem schnöden hosted Wiki vorgehalten wird? Weil es aus technischer Sicht einfach nicht ausgereift genug ist, um sich "SELFHTML 9" nennen zu dürfen? Von allem wohl etwas, und außerdem, weil ich es nicht will. SELFHTML ist meine Vergangenheit, auch persönlich verknüpft mit einem früheren Lebensabschnitt, der nichts mehr mit meinem gegenwärtigen zu tun hat. Ich bin kein Vergangenheitsmensch. Die Zukunft, das Mögliche zieht mich stärker in den Bann. Ich bin lieber ein Möglichkeitsmensch, ein Mann ohne Eigenschaften.

Nicht aufgegangene Rechnungen

Was viel Kraft und Selbstbewusstsein verlangte, war das einsame Wühlen durch die HTML5-Spec. Viele Unklarheiten und Fragezeichen tauchten dabei auf. Ab und zu habe ich das Social Web genutzt, um in Situationen, in denen ich unsicher war, Antworten zu erhoffen. Doch das funktioniert so nicht. Vielleicht hätte ich auch stärker die Nähe der gegenwärtig führenden Fach-Koryphäen suchen sollen — Webkrauts-Mitglieder, oder auch SELFHTML-nahe Leute. Aber da gehöre ich irgendwie nicht oder nicht mehr dazu. Vielleicht, weil meine persönliche ideologische Begeisterung für float, em und flexible Layouts nicht groß genug ist, oder weil ich kein Barcamp-Pilgerer bin, oder weil ich einfach zu sehr der Urvater deutschsprachiger Dokumentation über Webseitenerstellung bin, den es zu überwinden gilt.


Das HTML5 Handbuch

Der Verlag hat mir bereits frühzeitig die Möglichkeit eines Co-Autors angeboten. Ich dachte zunächst, ich mache das zum einen zeitgemäß mit Front-Cooking-Methode, zum anderen mit altbewährter Unterstützung. Also erst alles direkt online schreiben, vielleicht mit Unterstützung interessierter Fachkreise, und dann die so erstellten Inhalte von Wolfgang Nefzger, dem fleißgigen, mitdenkenden Print-Umsetzer, in Buchform gießen lassen. Doch Wolfgang Nefzger ist im Sommer sehr unerwartet verstorben. Er war nicht mal so alt wie ich, hatte so weit ich erfahren konnte offenbar eine schwere Krankheit und sich entschlossen, diese nicht bis zum Ende durchzustehen.

Die Font-Cooking-Methode erwies sich allerdings auch nicht gerade als der große Hit. Da schreibt man monatelang ein bekanntes Fachbuch online völlig neu. Doch keine Silbe Feedback, keine sinnvolle Fachkritik, nichts, während der ganzen Zeit über. Das eigens eingerichtete Handbuch-Forum erwies sich als überflüssig. Ich hatte auch weder das Talent noch die Lust, mich selber schon während der Erstellungsphase so geschickt und konsequent zu vermarkten wie das etwa Annette Schwindt mit ihrem Facebook-Buch getan hat. HTML und CSS sind auch zu wenig trendy dazu. Aber ich habe normalerweise einige hartnäckige, fachlich hochqualifizierte Beobachter, die sich immer wieder mit allem, was ich fachlich von mir gebe, produktiv kritisch auseinandersetzen. Leider ist diese Art von Kritik ausgerechnet während des vielmonatigen Front-Cooking-Zeitfensters, wo ich sie in das entstehende Werk hätte einbeziehen können, ausgeblieben.

Das alles hat mich nicht gerade beflügelt. Nachdem ich im Frühjahr noch halbwegs regelmäßig an dem Buch gearbeitet hatte, rutschte ich im Sommer in ein Keine-Lust-mehr-Loch. Doch Peter Schmid-Meil und Franz Graser, meine Lektoren beim Franzis Verlag, behielten das Projekt stets im Auge und scheuten sich nicht, mich auch mal zu nerven. Gegen Ende des Projekts, als klar wurde, dass ich nicht mehr alles fristgerecht schaffen würde, wurde ein bewährter anderer Franzis-Autor herangezogen: Clemens Gull. Er hat innerhalb von zwei, drei verbleibenden Wochen die ganze HTML- und CSS-Referenz für den hinteren Buchteil ins Wiki gehackt. Ihm verdanke ich, dass das Buch überhaupt fertig geworden ist. Denn ich glaube nicht, dass ich überhaupt noch die Energie aufgebracht hätte, mich durch die langen, trockenen Referenzteile zu ackern.

Zusammen mit HTML5 wachsen

Es ist also ein vergleichsweise schlankes HTML- und CSS-Buch geworden, entstanden in einem Jahr, in dem man einerseits noch immer nicht ganz uneingeschränkt über den Fossil-Browser MS IE 6 hinwegsehen kann, und in dem andererseits immer mehr Browser den ACID3-Test mit 100 Punkten bestehen. In einem Jahr, in dem die meisten Webautoren beim Erstellen neuer Webseiten noch Kopien früherer Seiten überschreiben, mit HTML4.01- oder XHTML1.0-DOCTYPES, allerlei Browserweichen und genauso vielen div-Wrappern, wie man zu alten Netscape-Zeiten an verschachtelten table-Tags benötigte, um Layouts stabil zu bekommen. In diesen Alltag möchte das HTML5-Handbuch ein wenig mehr Mut zur neuen Schlankheit hineinbringen. Der Rückwärtsbrowserkompatibilitätsbeschreibungskult, der in SELFHTML immer mehr überhand genommen hat, hält sich in dem Buch deshalb bewusst in Grenzen. Damit Neues entstehen kann, muss Altes auch mal vergessen werden. HTML5 befindet sich erst am Anfang, auch wenn an seiner Normierung bereits seit Jahren gearbeitet wird. Noch ist nicht einmal absehbar, wie sich das Verhältnis der beiden Spezifikationszentralen W3C und WHATWG weiter entwickelt. Und bei CSS3 sieht es im Grunde nicht viel anders aus als bei HTML5: mit seinen vielen Einzelspezifikationen ist es ein Opus, das möglicherweise niemals vollständig den Recommendation-Status erlangen wird. Es kann also gar kein HTML5-Buch geben. Im besten Fall kann ein Buch mit HTML5 gemeinsam weiter wachsen.

Neuen Kommentar hinzufügen
oder Anmelden als Wikidot User
(wird nicht veröffentlicht)
- +
Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License