Ene mene mu, Deine Welt baust Du!

Diesmal ein Gastbeitrag von Chräcker Heller, der Besuchern des Webkompetenz-Forums als fleißig Beitragender bekannt sein dürfte. Er hat das wohl seltene Vergnügen, an einer Grundschule „Publizieren im Internet“ zu unterrichten. Ich konnte ihn freundlicherweise überreden, seine Gedanken zu dieser Tätigkeit einmal in einem Blogartikel zusammenzufassen. Hier das Ergebnis.

Nachfolgend der Gastbeitrag von Chräcker Heller:

Begreifen durch Greifen

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Ich begleite in der Grundschule meines Sohnes Kinder am Computer. Es handelt sich um eine Montessorischule. Dabei geht es nicht um die Vermittlung eines bestimmten Weltbildes, auch die Inhalte, die gelehrt werden, entsprechen dem normalen Grundschulstoff. Die Art der Vermittlung ist allerdings eine eigene.

Eines der vielen Merkmale dieser Besonderheit ist der Gedanke, daß Kinder die „Dinge der Welt“ dann begreifen können, wenn sie diese eben wortwörtlich (be)greifen. Infolgedessen sind die Klassenzimmer voller Regale, angefüllt mit Lernmaterialien.

Gleichwohl stehen in jedem Klassenraum zwei, manchmal auch drei Computer, mindestens einer davon ist mit dem Internet verbunden.

Gerade erwachsene Anfänger, ich begleite auch Senioren am PC, haben das Problem, dass man die Dinge „im Computer“ nicht anfassen kann. Das Abstrakte erschwert ihnen das Begreifen.

Bisher: reale Dinge als Symbole

Programmoberflächen, die uns in einer Bildsprache leiten wollen, kommen dem entgegen. Die Textverarbeitungen zeigen den Schreibbereich als Blatt Papier mit einem leichten Schatten. Schaltflächen drücken sich wie Schalter, Verzeichnisstrukturen sind gelbe Büroordner, die auf- und zuklappen usw.

Diese Dinge aus dem Raum des Greifbaren sollen es uns leichter machen, die entstofflichte Arbeitsweise am Computer zu verstehen.

Heute: Symbole als reale Dinge

Unsere Kinder allerdings erleben diese Bildsprache zum nicht kleinem Teil anders. Sie lernen zuerst die Symbole der Programme und dann, wenn überhaupt, deren reale greifbare Pendants. Sie nutzen die Symbole, ohne sie sich übersetzen zu müssen oder gar zu können. Welches unserer Kinder wird jemals noch eine Diskette in die Hand bekommen? Sie lernen den Computer nicht als Entstofflichung realer Dinge, weil sie die vorher realen Dinge gar nicht mehr kennenlernen. Schreibmaschinen oder Wörterbücher mit Ledereinband sehen sie in der Regel allenfalls in Museen. Und vielleicht erleben sie selbst echte Museen nur als Abbild der für sie realen Museumsräume des Internets. Die Bezüge haben sich umgedreht.

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Wie sagte meine Tochter als Kindergartenkind zu mir? Papa, ich weiß, warum die Maus Maus heißt. Weil sie so aussieht wie die Maus am Computer.

Jetzt mag man die Frage stellen: sollte man, um nicht gleich alles auf den Kopf zu stellen, Computer aus den Klassenzimmern der Grundschulen heraus lassen? Es gibt den etwas trockenen Leitsatz: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Dem muss man aber freilich in beiden Teilen gerecht werden.

Ich glaube nicht, dass Kinder unbedingt so früh lernen müssen, wie man eine Textverarbeitung bedient. Ich halte es auch nicht für schädlich, aber ich denke, sie würden nichts verpassen. Wenn sie im späteren Schulleben diese Fähigkeit brauchen, werden sie die nötigen Computerschritte schneller lernen, als die heutigen Lehrer „Medienkompetenz“ sagen können. Man braucht einem Grundschulkind nur ein altersgerechtes PC-Spiel ohne Anleitung geben und wird schnell sehen: das lernen die schnell.

Die Computer im Klassenraum meines Sohnes, so mein Eindruck, werden von den heutigen Kindern nicht mehr als etwas besonderes wahrgenommen, so wie wir das noch erlebt haben. Kleinere Lernspiele, die eher als Abwechslung zum sonstigen Lernalltag wahrgenommen werden, die Textverarbeitung zum Tippen von Texten und das Google-Wikipedia-Internet sind die Dinge, die dort „geschehen“.

Kinder stärken

Es ist die Aufgabe der Eltern und auch der Schule, die Kinder bei ihrer Entwicklung, zum Teil leise und heimlich, stützend zu begleiten. Die Grundschule, so erwarten wir Eltern, soll den Kindern nicht nur bei der Verarbeitung altersgerechter Aufgaben helfen, sie soll die Kinder für alles weitere vorbereiten. Grundsteine sollen gelegt werden, wer es blumiger mag: Samen sollen gelegt werden, damit es den Kindern immer leichter fällt, aus eigener Kraft und Können, ihren Weg zum selbständigen und selbst bestimmenden Erwachsenen zu gehen.

Dabei möchten wir sie in den Räumen begleiten, in denen sie sich bewegen, die wir anfangs noch absichern und zu ihrem Schutz begrenzen, um sie dann, nachdem sie sicherlich noch manchen Kampf mit uns ausfechten werden, immer mehr vertrauensvoll zu entlassen.

Kinder erleben die Technik selbstverständlicher

Unsere Kinder werden sich mit all ihren realen Dingen schneller hinein begeben, als wir denken. Und sie werden die Technik selbst weit selbstverständlicher erleben, so dass diese Bremsschwelle, die die heutige Elterngeneration alleine wegen dem sperrigen Technikzugang noch haben, weg fällt.

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Diese für uns zum Teil fremden Bereiche, in denen sich unsere Kinder äußern, sich üben, sich schleifen und sich selbst formen, unterliegen zum Teil stark abgewandelten Regeln als früher. Ein Teil der Entwicklung unserer Kinder wird auch gar nicht erst in diese Räume transferiert, sondern gleich dort stattfinden.

Somit müssen auch unsere Hilfsangebote andere sein, als wir es selbst erlebt haben. Wollen wir sie durch diese Räume erst leiten und dann entlassen, sollten wir sie auch selber begreifen und erleben.

Ich würde deswegen nicht gleich nach einem Grundschulfach „Internet“ rufen, wobei man bei den weiterführenden Schulen schon diesem Bereich in den Sozialvermittlungsfächern einen breiteren Rahmen eingestehen könnte. Aber ab und an mal besagten Samen werfen geht meiner bescheidenen Meinung schon in den Grundschulen.

Internet ist kein Fernsehen

Das Internet ist für die Kinder meist zuerst ein einseitiges Medium bestehend aus abrufbarem konsumierbarem Inhalt. Dies ist auch das einseitige Bild, dass viele der Eltern haben und, man darf es ihnen bitte nicht verdenken, die Lehrerschaft.

Zuerst wäre da für mich in der Tat das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass „das Internet“ im Computer bei weitem nicht nur ein einseitiges Konsumiermedium ist, bei dem das Kind eben wieder einmal nur das annimmt, was ihm vorgefertigt serviert wird. Kinder sollen gleich lernen, dass dies ein Gestaltungsraum für sie selbst ist. Ein Bewegungsraum. Wer gestaltet, übt Macht aus, und wir wollen unsere Kinder zu einem Leben führen, wo sie die Macht über sich selbst behalten.

Die Schule meines Sohnes versucht mit mir zusammen diese Möglichkeit der Vermittlung „in der Schule selbst“ vorsichtig zu etablieren. Denn für die meisten Eltern und Lehrer sind die von mir gerade skizzierten Räume noch sehr fremd. Das Ganze geht weit weniger hoch gestochen vor sich und in der Praxis mit weniger Ballast, als diese lange Einführung glauben machen könnte.

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Wir fangen, in allen Bereichen, klein an. Ein Autorensystem aus der Schublade, bei uns Wordpress, ein paar wenige Stunden Zeit, freilich eine offene Schulleitung und Lehrer, die man neugierig machen kann. Die Kinder, hier Dritt- und Viertklässler, kommen zu mir mit ihren fertigen Schulprojekten. Referate, Plakate, kleine Texte. Wir sind also noch beim Punkt des „Transferierens von etwas Greifbarem in einen virtuellen, schulkontrollierten Raum“.

Dabei geht es mir nicht um die Vermittlung des Bedienens eines Autorensystems. Genau genommen mache ich das meiste technische, entgegen unserer ersten Überlegungen, vor- und nachbereitend selbst.

Die Kinder sollen bei der Umsetzungsarbeit, beim „Bestücken des neuen Raumes“ natürlich auch selbst tätig werden, aber „Wordpress bedienen lernen“ halte ich in einer Grundschule nicht wirklich entscheidend für den weiteren Entwicklungsweg der Kinder. Wichtiger ist das Vermitteln der Gestaltungsfreude mit einem Raumgefühl, dass dazu führen soll, dass Kinder auch diese Bereiche später selbstsicher, weil bekannter, meistern.

Dabei ist es auch wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass beim Bewegen im Netz und bei der Gestaltung der eigenen Bewegungsräume im Netz eines immer an erster Stelle steht: das Kind selbst mit dem, was es „ausdrücken“ will, und sei es, konzeptmäßig, noch in Form von selbst gestalteten Texten und Bildern.

Das alles sind noch sehr kleine Schritte und es lernen dabei nicht nur die Kinder an unserer Schule. Ich würde gerne eines Tages dazu kommen, Inhalte gleich im Netz entstehen zu lassen ohne den Umweg der Transformation von greifbaren realen Dingen. Denn wie beschrieben, ist diese von vielen noch gesehene Zwangsläufigkeit für die Kinder zum Teil keine mehr so erlebte. Vieles wird gleich im Netz geschehen und entstehen in ihrer Entwicklung.

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder stark voranschreiten, dann ist es wichtig, sie richtig bei den ersten Schritten zu begleiten und Ihnen den Raum zu geben, das Bewegen im sozialem Umfeld da zu üben, wo es schon heute faktisch im nicht kleinen Rahmen stattfindet.

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