Hallo Elmar,
nach meiner Auffassung gibt es weniges, das für jeden relevant ist. Wer sich nicht interessiert für Chemie, Mathematik, Physik … könnte sagen, Artikel darüber seien irrelevant.
Wenn man es radikal hinterfragen möchte, ja. Nur werden in der Praxis die meisten Menschen viele "Lemmas" für relevant halten, obwohl sie selber keine Ahnung davon haben. Einfach weil sie in sich drinnen selber so was wie einen Relevanzkanon haben, bedingt durch Erziehung, Schule, Kontakte und Lebenserfahrung. Ich kann z.B. mit historischem Faktenwissen um seiner selbst willen wenig anfangen. Aber deshalb würde ich niemals auf die Idee kommen, alle Artikel, die sich um historische Details drehen, aus Wikipedia verbannen zu wollen.
Eines muss man, wenn man eine radikal subjektive Position bezieht, auf jeden Fall tun: jedem anderen die gleiche radikale Subjektivität zugestehen, auch wenn sie von der eigenen abweicht. Das wiederum würde im direkten Schluss bedeuten, dass man alles, was in eine offene Enzyklopädie geschrieben wird, gelten lassen muss, weil niemand wissen kann, für wen was mal wann relevant sein könnte.
Für mich ist die Qualität eines Artikels ein wichtigeres Kriterium, wobei der Begriff "Qualität" nach meiner Meinung schwer, viellicht nicht "objektiv" zu fassen ist, dennoch glaube ich, intuitiv sind sich viele einig darüber, was von guter/mittlerer/schlechter Qualität ist.
Mit der Qualität ist es genaugenommen das Gleiche wie mit der Relevanz. Wie du richtig bemerkst, hat jeder irgendwie so eine ungefähre Vorstellung von Qualität (so wie diesen inneren Relevanzkanon). Und genauso wie bei der Relevanz könnte man in punkto Qualität den Standpunkt vertreten, da keine objektive Beurteilung möglich ist, eine radikal subjektive Sicht der Dinge zuzulassen. Und dann muss man auch wieder alles gelten lassen, weil man ja nie weiß, was für wen vielleicht mal qualitativ hochwertig sein könnte.
Ich sehe eigentlich bei beiden Faktoren, also bei Relevanz und Qualität, dass alle Menschen so etwas wie vorhandene Vorstellungen, Konzepte, Begriffe davon haben, und dass diese Vorstellungen, Konzepte, Begriffe nicht völlig beliebig sind. Wenn sie aber nicht völlig beliebig sind, so stellt sich die Frage, ob und/oder wie sich das "Allgemeingültige" aus ihrer Unschärfe "herausschnitzen" lässt.
Genau das wird immer wieder versucht, und ganz stark eben auch bei der Wikipedia. Leider entsteht dabei einfach oft eiine Spirale der Verselbständigung. Das heißt, Leute, die sich vor allem oder nur noch mit dem Freischnitzen, also der Kriteriensuche für Faktoren wie Relevanz oder Qualität befassen, bilden sich irgendwann ein, einen messerscharfen Blick dafür zu haben, der dem anderer Mitmenschen haushoch überlegen ist. Sie bilden sich schließlich ein, sogar bei Lemmas, mit deren Thematik sie sich überhaupt nicht auskennen, entscheiden zu können, was relevant oder hochwertig ist. Das ist der Punkt, wo nicht mehr das Finden von Kriterien das Problem ist, sondern die Leute (oder einige davon), die sich mit diesem Finden befassen, sind dann das Problem.
viele Grüße
Stefan Münz