Vermutlich lebst du in einem Dorf oder einen Kleinstadt, hm? Ich meine wegen des Tipps, doch "mal bei der Nachbarin zu klingeln" und Hilfe anzubieten. Damit hab ich nämlich ERFAHRUNG, hier in Berlin-Friedrichshain, in dem Haus, in dem ich seit 2003 im 3.Stock wohne und nun schon die zweitälteste Mietpartei bin (!) - nach Wohndauer gemessen. Und ich fand z.B. ein Kleinkind im Kinderwagen heulend im Eingangsbereich, dessen Mutter "mal eben erst die Tüten hochtragen" war - ich blieb bei dem Kind und brachte es zum Lachen, bis nach 10 Minuten Mami endlich kam. Der bot ich an, sie könne das Kind gerne mal bei mir lassen, da ich ja fast immer zuhause bin. Freundliches Nicken, aber das wars. NIE hat sie sich gemeldet! Neumieter und den einzigen "Älteren" sprach ich beiläufig auf "mal Kaffe trinken" an: ja, ja gerne demnächst mal (was nie eintrat) - und der Altmieter war regelrecht ERSCHRECKT und wand sich, weil er nicht wusste, wie reagieren.
Nö, das ist nicht das, was Menschen in der Stadt von ihrer Umgebung wollen! Gerade die Anonymität und das einander weitgehend ignorieren ("leben lassen") ist es, was hier die meisten wünschen. Einzig, wenn ein Angriff von außen kommt (Modernisierung, Umgestaltung des Umfelds etc.), DANN gibt es die Chance und auch Notwendigkeit, sich zu versammeln. Die Leute brauchen eine gemeinsame "Betroffenheit" von irgend etwas LOKALEM, ansonsten macht jeder sein Ding mit Menschen, die ohne Bezug zur näheren Umgebung gewählt und gefunden werden.
Ich war auch mal über 10 Jahre meines Lebens rund um die Uhr aktive Stadtteilaktivistin - das war toll und spannend, doch eben ausgelöst durch ein großflächiges Sanierungsvorhaben der Regierenden. Auch Eltern tun sich gerne zusammen, um das Leben mit ihren Kids besser zu organisieren - aber ohne konkretes Anliegen tut sich nicht viel im Lokalen. Zur offiziellen Bürgerbeteiligung wird immer aufwändig eingeladen, die Resonanz ist gering und nur bei jenen überhaupt da, die sich vom Plan, der zur Debatte steht, konkret tangiert fühlen.
Mittlerweile gibt es Online-Angebote wie Townking, mit denen man heraus finden kann, was noch für Leute aus der Umgebung Mitglied sind. Da sind vor allem Studies und andere junge Leute drin, die Partner/innen, neue Freunde zum Ausgehen und für Hobbys (Sport etc.) suchen.
M.E. wird mit der weiteren Alterung und mit dem Pflegenotstand ein Bedürfnis nach nicht zu bezahlender Betreuung, Hilfe im Haushalt etc. entstehen - der aber wird nicht in nachbarschaftlicher Eigeninitative geregelt werden, sondern indem man wiederum Institutionen schafft, die Freiwilligenarbeit organisieren: Pflegst du X Stunden pro Jahr, hast du später auch Anspruch auf x Stunden Hilfe (so ähnlich funktionierten Anfang des 20.Jahrhunderts auch die sozialdemokratischen Krankenbesuchsvereine).
Warum ich das alles erzähle? Um mal ein bisschen Backgroundinfo aus dem eigenen Erleben zum Besten zu geben. Wobei es bei alledem gar nicht um eine Trennung Onliner/Offliner geht, sondern um die realen Bedürfnisse der Menschen hier an ihr konkretes Umfeld. (und auf Facebook könnt ich soweit nicht ausholen, da verhindert die Technik tatsächlich die Vertiefung von Themen!)
ZurLiquid Democracy fand ich auf der Piratenseite diesen Satz, der das Ziel beschreibt:
„Für Steuerrecht möchte ich gerne durch die Partei SPD, für Umweltpolitik durch die Partei die Grünen und für die Schulpolitik durch die Privatperson Herrn Müller vertreten werden. Für die Entscheidung über das neue Hochschul-Zulassungsgesetz an den Universitäten möchte ich aber selbst abstimmen.“
Ich finde, so etwas kann sowohl meine Nachbarschaft gut finden als auch Menschen in der Ferne, egal ob in der Stadt oder auf dem Dorf. Die Modelle für eine Umsetzung sind wohl noch in den Konzeptionsstadien und erste Umsetzungen wirds ja nicht gleich in der großen Politik im Ganzen geben, sondern in Teilsystemen, die bereits jetzt vernetzt sind und online kommunizieren. Und eher NICHT auf der lokalen Ebene, dort, wo Menschen noch offline mittels traditioneller Medien (Post, Lokalzeitung, Flugblatt) zusammen kommen, um über die Dinge zu befinden.
Ich persönlich fände ein Stadtteilweb, in dem Demokratie gewagt wird, toll - aber politische Inhalte scheinen es nicht zu sein, die die Menschen dahin locken, sondern eher der Ausgehtipp und die aktuelle Speisekarte der Restaurants, die in Betracht kommen.