Ich glaube nicht, dass besonders viele Bürger es lange durchhalten würden, sich mit den Detailfragen aller möglicher Politikfelder zu beschäftigen.
Und diejenigen, die es durchhalten würden, weil sie den Willen oder die Mittel dazu haben, beeinflussen die Politik bereits heute in Form des von Dir so geschmähten "Lobbyismus", zu dem ich auch Bürgerinitiativen etc. zählen würde.
Es würde sich also gar nicht besonders viel ändern.
Im Parlament werden "Sparten-Parteien" sowieso wenig Chancen haben, denn wenn die Position einer Partei nur auf wenigen Politikfeldern feststeht, werden die Menschen deren Abgeordnete nicht trotzdem ermächtigen wollen, auch in allen anderen Fragen nach belieben mit-abzustimmen. Sie werden stattdessen wissen wollen, wie die Partei auf den anderen Politikfeldern abzustimmen gedenkt.
Nicht zuletzt haben Parteien IMHO eine wichtige Funktion als Aggregator politischer Ideen und als Vorbereiter politischer Entscheidungen.
Auch wenn das Parlament eigentlich der Platz wäre, alle Dinge zu besprechen, ist es vielleicht doch nicht schlecht, dass die meisten Argumente etc. schon vorher in den Parteien bereits einmal ausgetauscht sind - auch wenn dadurch die Fronten im Parlament oft verhärtet sind. Doch möglicherweise sind sie das nicht ohne Grund, da die verschiedenen Parteien eben die verschiedenen Weltsichten verschiedener Menschen "aggregieren", so dass Partei A halt vornehmlich für Weltsicht A steht und Partei B für Weltsicht B.
Auf jeden Fall wäre es ein demokratischer Gewinn, wenn gewisse Parteien wie die SPD den Fraktionszwang aufheben würden, damit ihre Abgeordneten - wie im Grundgesetz vorgesehen - nach ihrem Gewissen abstimmen können, ohne einen Rausschmiss zu riskieren. Bei der FDP gibt es übrigens keinen Fraktionszwang.
Ich glaube, es gibt für "Kompetenzparteien" keinen Platz im Parlament. Bei der Masse der Politikfelder, die man identifizieren könnte (Anleitung: Beliebiges Substantiv nehmen, dann "-politik" anhängen, z.B. Leuchtstoffröhren-Politik oder Kindernahrungs-Politik), ist für Kompetenzparteien für jedes Feld kein Platz, es sei denn, man möchte ein Parlament mit hunderten Parteien und italienische bzw. Weimarer Verhältnisse.
Und wenn die Parteien dann - wie gesagt - nicht nur auf ihrem Kompetenz-Feld abstimmen dürften, sondern auch in allen anderen Fragen, dann werden die Leute - wie gesagt - auch für die anderen Politikfelder wissen wollen, wofür die Partei steht; und dann ist die Partei keine Kompetenz-Partei mehr, sondern eine ganz normale Partei wie jede andere auch.
Wenn wir natürlich Wahlen für jedes Politik-Feld einzeln durchführen wollten, wäre die Demokratie erst recht ruiniert; denn dann gäbe es nicht nur hunderte Wahlen, sondern auch jede Menge Streit über die Definition und Abgrenzung der verschiedenen Kompetenz-Felder, für die gewählt werden soll.
Ich betrachte darum die Idee der Kompetenz-Parteien als ad absurdum geführt - tut mir leid, falls das auch aus Deiner Sicht gelungen sein sollte ;-)
Im übrigen glaubt nicht einmal die Piratenpartei selbst anscheinend an die "Kompetenz-Partei"; statt dessen arbeitet man am Ausbau des eigenen Programms auf allen herkömmlichen Politikfeldern, in zahlreichen Arbeitsgruppen:
[http://wiki.piratenpartei.de/Arbeitsgruppe]
Interessanterweise hören sich einige Dinge an wie bei anderen Parteien abgeschrieben. Aber Parteien sind ja im allgemeinen nicht böse, wenn man ihre Ideen übernimmt.
Die meiner Meinung nach einzig mögliche Variante, eine Möglichkeit zu schaffen, dass der Bürger mehr Einfluss nehmen kann, ohne das ganze demokratische System, das sich ja in gewisser Weise doch einigermaßen bewährt hat, zu gefährden bzw. völlig zu zerfasern, wären bundes- und Europa-weite Volksentscheide. Ratet mal, wer dafür ist…:
[http://www.bummel.org/blog/2009/01/60-jahre-grundgesetz-fur-den-bundesweiten-volksentscheid/]
[http://www.fdp-bundespartei.de/webcom/show_article.php/_c-367/_nr-5/i.html]
Also. Sparten-Parteien werden auf Dauer nicht bestehen, es sei denn, sie werden zu Vollprogramm-Parteien. Oder zu Fortschritts-Parteien.
[http://www.sueddeutsche.de/politik/687/487097/text/]
Was die wiki-artige Willensbildung angeht, so frage ich mich, ob es diese Art Willensbildung gibt bzw. was das sein soll. Manche Artikel in Wikis sind doch Gegenstand fortwährender Edit-Wars, die nur durch Administratoren beendet werden können. Und in Parteien braucht man ständig auf allen Ebenen (Kommunal, landesweit, für den Bund) Entscheidungen bzw. Beschluss-Sammlungen, um überhaupt politisch agieren und sich dabei auf den Parteiwillen abstützen zu können. Im Wiki gewinnt - wie im Parlament - die Mehrheit bzw. diejenigen, die mehr Macht haben (im Parlament wäre das auch wieder die Mehrheit, im Wiki ist es die Mehrheit der Admins…).
Es gibt übrigens IMHO keine "Schwarm*intelligenz*". Zwar zeigen Schwärme von Individuen interessantes Verhalten, das oftmals "erfolgreich" ist; dieses lässt sich allerdings berechnen und modellieren und damit nicht nur nutzen, um z.B. die Benutzerströme um die Kaaba besser und sicherer zu lenken, sondern auch, um Fischschwärme total in die irre zu leiten und aufzufressen (Wale machen das. Funktioniert super - seit Millionen Jahren; und Termiten lassen sich ja auch gerne mit Stöckchen aus ihrem Baulocken…).
Daher würde ich hier nicht von Intelligenz sprechen, sondern eher von Instinktverhalten. Und ich würde auch nicht versuchen, diese "Schwarmintelligenz" für politische Zwecke zu nutzen. Obwohl die Fertigkeit, die Massen in manipulierbare Schwärme zu verwandeln, natürlich schon zu beeindruckenden politischen Erfolgen verholfen hat. Allerdings keinen, die ich in nächster Zeit in Europa wiederholt sehen wollen würde…
Um aber zum Thema zurückzukommen: Wiki-artige Willensbildung, Schwarmintelligenz etc. hören sich toll an, sind aber IMHO nur Worthülsen. Nichts als Marketing-Sprech für eine vorgebliche Zaubermethode, die Demokratie ganz dolle zu revolutionieren. Alter Wein in neuen Schläuchen.
Das Internet verbessert bestimmt die Kommunikation und die Möglichkeiten zur Partizipation und Information im Prozess der politischen Willensbildung, aber es ändert nicht die grundlegenden Prinzipien selbst, nach denen Demokratie funktioniert.
Im Endeffekt wird natürlich nur der Lauf der Zeit zeigen, was geschehen sein wird. Warten wir es ab - Gehen wir zu Wahl - Entscheiden wir mit! :-)
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