Ich hatte immer schon den Anspruch, gut verständlich zu schreiben. Extrem verschachtelte Sätze, Fachwortgewitter, Bezüge auf Autoritäten, die "man" kennen muss etc. sind mir suspekt. Ich interpretiere sowas meist als Versuch, sich mangels beeindruckender Inhalte wenigstens in der Form deutlich über die ungebildete Masse zu erheben.
Das heißt aber nicht, dass dem Leser keinerlei Anstrengung abverlangt werden darf. Die Aufmerksamkeitsspanne sollte durchaus einen langen Satz bewältigen können - auch einen, der nicht mit dem Subjekt beginnt. "Leichte Sprache" ist genauso anstrengend zu schreiben und genauso öde zu lesen wie gängiges Marketing-Blabla. Ich denke nicht im Traum daran, meine Ausdrucksfähigkeit so zu verstümmeln, wie es diejenigen propagieren, die alle Welt mit Texten fürs Niveau geistiger Behinderung beglücken wollen.
Wie überall gilt: die Sprache ist der jeweiligen Zielgruppe anzupassen, wenn man ihr etwas vermitteln oder verkaufen will, bzw. Offizielles zu verlautbaren hat. Und natürlich sind alle Ämter und Behörden, Firmen und Institutionen in der Pflicht, ihre Anträge, Formulare und andere Text-Monster möglichst in VERSTÄNDLICHER SPRACHE heraus zu geben - da ist noch eine Menge zu tun.
Aber solange ich "einfach so" schreibe, entstehen Texte, wie sie eben kommen: ich schreibe nur mit, was der "innere Schreiber" mir vorflüstert - und am besten wird es, wenn möglichst wenig Scheren und Zensoren im Kopf daran herum docktern. Da werde ich den Teufel tun und die Sprache weiter mutwillig nach unten nivellieren, wohin der allgemeine Ausdruck ja sowieso tendiert: Scannen statt lesen, kurze Sätze, Listen statt Absätze, damit das Auge sich in der Buchstabenwüste nicht so langweilt - und immer wieder eine unterhaltsame Zwischenüberschrift, klar!
Nolens volens passt man sich im Web tendenziell dieser Schlicht-Schreibe an, packt auch noch klare Keywords in die Überschrift, da das Gefunden-werden wichtiger ist als eine Headline, die neugierig macht. Im ersten Satz dann am besten gleich zum Punkt kommen, denn wer weiß schon, ob der Leser noch einen zweiten verkraftet?? Ist ja so anstrengend, sind so viele Wörter..
Na, du merkst, ich könnt' mich da aufregen - lass es aber bleiben und schreibe weiter, wie es kommt. Auch mal richtig lange Sätze! Schließlich will ich durchaus Leser anziehen, die zu solch vertieften Geistesleistungen noch fähig, willens und in der Lage sind - es könnten Freunde werden! :-)