Interessanter Parteiendiskurs
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Wieder mal Julia Seeliger ;-)
Interessanter Parteiendiskurs
StefanMStefanM 1246649983|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover

Hallo,

neulich habe ich ja schon einmal einen Thread mit einem Statement von Julia Seeliger eröffnet. Jetzt gibt es wieder einen Grund. Da Julia Seeliger eine typische Networkerin ist und sich auch sehr deutlich gegen Netzsperren engagiert hat, und weil sie eine der wenigen ist, die den Protest aus dem Netz auf direktem Wege in die Chefetagen der deutschen Politik tragen kann, wird sie in letzter Zeit offenbar stark behelligt. Viele Leute raten ihr einen Wechsel zur Piratenpartei. Doch sie möchte das nicht. Warum sie das ncht will, dazu hat sie einen interessanten, gut lesbaren Artikel geschrieben:

Ebenso interessant wie der Artikel ist sind aber auch viele Gedanken, die in den Kommentaren dazu geäußert werden.

Auch an diesem Artikel und den Kommentaren entzündet sich wieder die Grundsatzdiskussion über das Parteiwesen in Deutschland, die im Netz entbrannt ist und bis vor der Bundestagswahl sicher auch die Holzmedien erreicht haben wird. Ein Wahlkampf der besonderen Art zeichnet sich also ab: nicht mehr "welche Partei soll ich wählen?", sondern "was kann ich anstelle von gestrigen Parteien wählen?"

viele Grüße
Stefan Münz

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unfold Interessanter Parteiendiskurs by StefanMStefanM, 1246649983|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover
Re: Interessanter Parteiendiskurs
Swen WackerSwen Wacker 1246966515|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover

Ein Wahlkampf der besonderen Art zeichnet sich also ab: nicht mehr "welche Partei soll ich wählen?", sondern "was kann ich anstelle von gestrigen Parteien wählen?"

Ich erweitere die Frage: Warum sollen wir überhaupt weiterhin Parteien wählen? Ich bin für eine Weiterentwicklung des Wahlaktes hin zu Delegated voting.

unfold Re: Interessanter Parteiendiskurs by Swen WackerSwen Wacker, 1246966515|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover
Flüssige Demokratie
StefanMStefanM 1246980305|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover

Hallo Swen,

Warum sollen wir überhaupt weiterhin Parteien wählen? Ich bin für eine Weiterentwicklung des Wahlaktes hin zu Delegated voting.

Das sind ja lauter tolle neue Begriffe, die ich noch gar nicht kannte! Zum Verständnis vielleicht mal die Grafik aus dem WP-Artikel:

200px-Democracy.svg.png

Ich verstehe das so: Rechts der blauen, gestrichelten Linie sind Personen, die ein Problem so oder so lösen wollen, z.B. das Problem "Kinderpornografie im Internet" oder das Problem "Steinkohlesubvention". Diese Personen können Hinz und Kunz sein. Wer am meisten Stimmen erhält, darf seine Lösung durchsetzen. Jede Person rechts der Linie hat ebenso wie jede andere Person eine Stimme, d.h. überall, wo keine Zahl drunter steht, muss man sich einfach eine 1 denken. Dann ist das Prinzip leicht zu verstehen. Was links der gestrichelten Linie passiert, könnten Networking-Prozesse sein. Personen "rotten sich zusammen" und wählen einen Repräsentanten, der soundsoviele Stimmen repräsentiert. So entstehen aus kleinen Zellen immer größere Zellklumpen an Wählern einer bestimmten Lösung.

Man könnte sagen, es handelt sich um einen Volksentscheid, jedoch nicht in der Form, dass dieser zentral organisiert an einem bestimmten Wahltag abgehalten wird. Stattdessen könnte man sich vorstellen, dass es für die Entscheidungsfindung eine zeitliche Frist von z.B. zwei Monaten gibt. In dieser Zeit kann das Thema im Netz diskutiert werden. Zunächst kann sich jeder der eine Lösung für das gestellte Problem hat auf die rechte Seite der blauen gestrichelten Linie aufstellen. Über die üblichen Netzkanäle kann er andere davon informieren. Wer einer Lösung zustimmt, kann das einzeln und direkt tun. Erfolgversprechender ist es jedoch, nicht einfach nur selber zuzustimmen, sondern in der eigenen Netzumgebung andere Leute zu suchen, die ebenfalls der gleichen Lösung zustimmen und sich von denen als Gruppenrepräsentanten wählen zu lassen (Zellklumpenbildung).

Belohnt werden bei diesem Verfahren also folgende Eigenschaften:

  • Eigeninitiative
  • Networking
  • Zivilcourage

So weit klingt das alles ganz prima. Die Frage ist nur, wie das in einer Realität funktionieren würde, in der Lobbyisten ihre Interessen um jeden Preis wahren oder durchsetzen wollen, und in der es nur so von Menschen wimmelt, die immerzu feste Hierarchien suchen und deshalb mit situationsabhängigen Repräsentanten nichts anfangen können.

Auf jeden Fall lässt es tief blicken, dass es bislang überhaupt nur die englischen Ausdrücke für all das gibt. Trotzdem kann man schon vereinzelt auf deutschsprachige Auseinandersetzungen mit dem Thema stoßen, z.B.:

Danke jedenfalls für diese neuen Denkanstöße, Swen!

viele Grüße
Stefan Münz

last edited on 1246980538|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover by StefanM + show more
unfold Flüssige Demokratie by StefanMStefanM, 1246980305|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover
Re: Flüssige Demokratie
Swen WackerSwen Wacker 1247002485|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover

Ich bin neulich mal in einem Gespräch darüber gestolpert, als ich mich darüber beschwerte, dass die nächste (Bundestags)Wahl für mich sehr schwierig wird, da ich ich im Politikfeld X gern Partei Y an der Macht sehen würde, im Politikfeld A aber lieber von B repräsentiert werden möchte und ich deshalb auf dem Wahlzettel viel lieber nach sachlichen Gesichtspunkten (weniger aber nach Personen) panaschieren und kumulieren möchte. In der Diskussion fiel das Stichwort liquid democracy und dann haben wir viel von dem (obwohl nur Sozialdemokraten und regelrechte Piratenhasser am Tisch waren), was im Piratenwiki (Danke für den Link) steht, zusammengesponnen. So rein praktisch bin ich nicht sicher, ob solche Modelle nicht den Durchschnittsbürger überfordern oder aber spätestens nach einem Monat Hype und Mitmach-Boom in Lethargie herumsiechen. Dennoch: Die Idee ist bestechend und untermauert mein Gefühl, dass das Zeitalter der Parteien zuende geht.

Nachtrag: Flüssige Demokratie ist eine blöde Übersetzung. Es geht um das fließende in Abgrenzung zum statischen, festen des jetzigen Systems. Und "Fließende Demokratie" ist dann einen schönerer Begriff als "Direkte Demokratie", denn dieser Begriff ist auch wieder sehr statisch.

last edited on 1247002662|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover by Swen Wacker + show more
unfold Re: Flüssige Demokratie by Swen WackerSwen Wacker, 1247002485|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover
Re: Flüssige Demokratie
StefanMStefanM 1247003292|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover

Hallo Swen,

So rein praktisch bin ich nicht sicher, ob solche Modelle nicht den Durchschnittsbürger überfordern oder aber spätestens nach einem Monat Hype und Mitmach-Boom in Lethargie herumsiechen.

Derzeit ist es denke ich noch zu früh dazu. Das ist so ein Konzept, das mindestens ein Jahrzehnt gären muss, um genießbar zu sein. Und es würde auch gar nicht funktionieren, solange es noch zentralistische Gleichschaltungsmedien gibt. Das Konzept benötigt Networking, aber eben auch nur Networking und nichts anderes.

Flüssige Demokratie ist eine blöde Übersetzung. Es geht um das fließende in Abgrenzung zum statischen, festen des jetzigen Systems. Und "Fließende Demokratie" ist dann einen schönerer Begriff als "Direkte Demokratie", denn dieser Begriff ist auch wieder sehr statisch.

Yepp, da hast du völlig Recht. Also reden wir von Fließender Demokratie (und für Akademiker: herkaklitische Demokratie ;-)

viele Grüße
Stefan Münz

unfold Re: Flüssige Demokratie by StefanMStefanM, 1247003292|%e %b %Y, %H:%M %Z|agohover
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