Interview für becx (2001)

Dieses Interview ist im Original auf der Website von Burkhardt Becker erschienen:

Das Interview wurde von Burkhardt Becker via E-Mail geführt.

Das Interview

1. Wer bist du?

Langjähriger Single, Netzindianer und Träumer. Stadtmensch, Altbaubewohner, Radfahrer und Bahnfahrer. Kaffeetrinker,
Weintrinker und Hin-und-Wieder-Raucher. Handbuchschreiber, Bedienungsanleitungsschreiber, Schulungsunterlagenschreiber und
Buchautor. Magister der Philosophie, Hypertextbegeisterter, Aphorismenliebhaber und Gedankenreisender. Vertreter der Vanille-Generation, Mitten-im-Leben-Stehender, Pendler zwischen Jugend und Alter.

2. Was siehst du morgens um 7.00 Uhr im Spiegel?

Nun, wie soll ich das sagen - nichts Besonderes. Da meine Eitelkeit nicht ganz so stark ausgeprägt ist, komme ich mit dem Anblick eigentlich ganz gut klar.

3. Welche 3 Dinge nimmst du mit auf eine einsame Insel und warum?

I. Ein Notebook - natürlich dann mit Sonnenkollektor-Aufladung, UMTS-Iridium-Funkmodul und Flatrate bei Coconut Telecom. Die Insel allein würde mich nämlich nicht glücklich machen. Ich muß etwas tun, will Spuren hinterlassen.

II. Ein bischen Werkzeug, um mir aus dem Material, das ich vorfinde, etwas zu zimmern, worin ich hausen kann. Ich habe zwar zwei linke Hände bei so was, aber immerhin hätte ich auf der Insel ja mehr Zeit und weniger Ablenkung. Da könnte ich mich einfach mal Tag für Tag darin üben, doch noch ein praktisch veranlagter Mensch zu werden.

III. Sag ich nicht ;-)

4. Was war der schlimmste Ärger, in den du je geraten bist?

Kann ich eigentlich gar nicht sagen. Einfach aus dem Grund, weil ich ihm relativ konsequent aus dem Weg gehe. Ärger hat man dann, wenn man zum Verrecken irgendwas will und dabei auf Widerstand stößt. Solchen Ärger meide ich, lieber verzichte ich auf das was ich wollte, denn es gibt noch so viel anderes, was sich lohnt zu wollen. Also eine sehr uneuropäische und eher fernöstliche Maxime.

5. Was ist dein kostbarstes Eigentum?

Um ehrlich zu sein - nichts. Ich besitze nichts, was nicht ersetzbar wäre, und ich bin sogar froh darüber. Ich weiß, daß viele Leute so eine Einstellung nicht richtig finden. Aber ich weiß, daß sie viel richtiger ist als das ganze Geklebe an irgendwelchen Dingen.

Wahrscheinlich hab ich zu viel Philosophie und Morallehren gelesen. Aber Eigentum, das so kostbar wäre, daß man sich ein Leben ohne es nicht vorstellen kann, macht krank.

6. Was war der peinlichste Augenblick in deinem Leben?

Was den Superlativ in der Frage betritt - das weiß ich nicht. Aber eine richtig schöne Peinlichkeit war wohl, als ich mal als Student auf Wohnungssuche war, jeden Morgen am Studentenwerk die neuen Angebote studierte, dann in die Telefonzelle hetzte (ja, das war noch lange vor der Handy-Zeit) und wahllos Vermieternummern wählte. Ich wohnte bei einer alten Frau zur Untermiete, wo ich so schnell wie möglich raus wollte. Ich war der erste Student, an den die Alte vermietete. Offenbar hatte ich mit ihren Vorurteilen gegenüber Studenten gründlich aufgeräumt, weil ich kein Bummler zu sein schien, sondern jeden Morgen früh das Haus verließ. Also entschloß sich die Alte kurzerhand, noch ein weiteres ihrer vier Zimmer an einen Studenten zu vermieten. Der erste, der deswegen bei ihr anrief, war - wie könnte es anders sein - ich. "Wie ist Ihr Name?", fragte sie. Ich hatte ihre Stimme bis dahin gar nicht erkannt. Ich wiederholte meinen Namen, und da meinte sie ganz verblüfft: "ja - aber Sie wohnen doch schon bei mir!". Von da an war das Verhältnis zwischen ihr und mir natürlich nicht gerade besser … aber egal. Drei Wochen später hatte ich eine neue Bleibe.

7. Was ist deine persönliche Droge?

Das hat sich im Laufe der Zeit mehrmals geändert. Anfangs war es Zugfahren, Interrail, und irgendwo sein, auf Steilküsten am Mittelmeer rumstreunen und morgens um sechs nach einer Nachtfahrt in der Bahnhofskneipe einer andalusischen Kleinstadt einen Café con lecce schlürfen. Dann war es Radfahren, vornehmlich im Alpenvorland, der Anblick saftiger Wiesen und die Alpenkette dahinter im gleißenden Sonnenlicht. Dann war es das Spinnen des Netzes, Hypertext, HTML, Web. Ist es auch irgendwie noch - aber nicht mehr so wie vor ein paar Jahren. Zur Zeit befinde ich mich eher wieder in einer Orientierungsphase.

8. Umschreibe deine unangenehmste Charaktereigenschaft?

Vergeßlichkeit - auch wenn sie die Kehrseite einer guten Eigenschaft ist: nämlich Großzügigkeit. Ich sehe gerne über etwas hinweg, aber dabei übersehe ich auch viel, vergesse Details, wirke so, als ob ich abwesend und nicht bei der Sache bin. Ich selber empfinde die Vergeßlichkeit zwar gar nicht so schlimm - aber andere ;-)

9. Was macht dich rasend vor Wut?

So weit kommts eigentlich nicht. Ich fluche gern mal, wenn mir irgendwas auf den Sack geht. Aber richtige Wut verlangt das Insistieren auf einem Gedanken, und das kann ich gar nicht. Es gibt allerdings einiges, was mich "moralisch wütend" macht. Dazu gehört das Abzocken, Belügen und Hintergehen Ahnungsloser, dazu gehört das billige Profitierenwollen von der Anstrengung Anderer, und dazu gehört jedes ideologische und schreibtischtheoretische Handeln, sofern es Unheil stiftet.

10. Was glaubst du, sagen deine Feinde über dich?

So weit ich weiß, wiederholen sie gebetsmühlenartig, daß SELFHTML beim Test mit dem HTML-Validator des W3-Konsortiums Fehlermeldungen produziert …

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