Tiefen-Blogging oder die Autorität des Autors

30.08.2007

In einem lesenswerten Blog-Beitrag mit dem Titel Der Trend zum Tiefen-Blogger greift Wolfgang Sommergut ein Thema auf, mit dem sich viele Blogger einmal beschäftigen sollten. Der Beitrag schlägt eigentlich in die gleiche Kerbe wie unser früherer Beitrag Blogs als Parasiten. Jeder Blogger wünscht sich ein gut mit Beiträgen gefülltes Blog. Viele neigen jedoch dazu, Beiträge eher beiläufig und ohne besonderen redaktionellen Aufwand zu posten. Sie führen im Grunde ein öffentliches Notizbuch, in dem sie Gedanken, Bemerkungen, Reviews, Links und aufgeschnappte News ansammeln. Die Beiträge sind meist kurz, nicht selten telegrammstilartig und in der Regel nicht sehr sorgfältig ausformuliert. Das ist bei heruntergeschraubtem literarischem Anspruch allerdings noch vergleichsweise spannend, verglichen mit den vielen Blogbeiträgen, deren Inhalte lediglich aus anderen Quellen zusammenkopiert sind, oder die nur von Content-Syndication-Scripts automatisch generierte Ware darstellen.

Wolfgang Sommergut sieht einen neuen Trend in der Blogosphäre: immer mehr Blogger vermeiden den Selbstanspruch, im Alleingang ein komplettes News-Organ anbieten zu wollen. Stattdessen wird das Blog lieber benutzt, um „wertige“ Artikel anzusammeln, die auch nicht im Stundentakt erscheinen müssen. Ein wichtiger, diskussionsauslösender Beitrag zu dieser Thematik ist sicherlich der Anfang Juli 2007 erschienene Beitrag Write Articles, Not Blog Postings von Altmeister Jakob Nielsen. Nielsen fordert von einem Blogger, dass dieser in irgendeiner Disziplin, auf irgendeinem Gebiet der Beste sein sollte, einer, der seinen Bereich besser durchdringt als alle anderen, der darin souverän Akzente setzen kann und dem „man“, also die Masse, eine Führungsrolle auf seinem Gebiet zuerkennt. Denn egal ob menschliche Leser oder täuschungserfahrene Suchmaschinen-Spider: sie sind auf der Suche nach originärem Content, also nach dem, was nur ein richtiger Autor erschaffen kann.

Gerade der wohl bekannteste Viel-Poster der deutschsprachigen Blogosphäre, Robert Basic, wird von Wolfgang Sommergut als Beispiel-Kandidaten für den Trend oder zumindest den Wunsch nach mehr inhaltlicher Tiefe angeführt. Mit seinem Beitrag Tiefe und Bloggen, der Ende Juli 2007 erschien, erweckt Robert tatsächlich den Eindruck, als ob er der typischen Oberflächlichkeit eines gewöhnlichen Blogs ziemlich überdrüssig sei. Er träumt von einem Webprojekt, das irgendwo zwischen Blog, Wiki und statischer Dokumentation angesiedelt ist, und dessen Inhalt eine fachlich fundierte, zusammenhängende Vermittlung der Materie rund ums Web 2.0 ist. Eine Art SELFHTML also für das Know How jenseits der Web-Basistechnologien, realisiert auf einer hochgradig produktiven Webanwendung, die zwanglos chronologisches Publizieren mit gründlich systematischem Publizieren zwanglos und gründlich vereint ;-)

Doch verläuft der Trend zu mehr inhaltlichem Tiefgang nicht konträr zur Philosophie von Web 2.0? Schließlich wird dort allenthalben User generated Content propagiert. Die Antwort lautet: Nein. Der Widerspruch löst sich, wenn man bedenkt, dass User generated Content etwas anderes ist als reine Interaktion mit anderen Benutzern. User generated Content steht für spontan mögliches Publizieren im Web, nicht für das Gebrabbel, Dampfgeplauder und Gezänk in manchen Diskussionsforen oder Kommentarschlachten. Auch wenn er über Web-Formulare eingespeist wurde, so ist es doch Content, wobei man darunter durchaus wieder das verstehen darf, was wir zuvor als originären, autoren-orientierten Content bezeichnet haben. Könnte man also die Prognose wagen, dass der Trend zu mehr Tiefgang auch den User generated Content erfassen wird? Unsere Antwort lautet: Ja. Die immer weiter wachsenden Qualitätsansprüche an Wikipedia-Autoren weisen deutlich in diese Richtung. Zwar muss man zwischen dem redaktionellem Anspruch eines Wikipedia-Artikels und dem eines Freizeitfreund-Profils auf einer Social-Networking-Plattform unterscheiden. Doch auch dort werden sich Profile und andere Inhalte durchsetzen, die nicht aus Unsicherheit woanders abgekupfert wurden, sondern die Temperament und Persönlichkeit ihrer Urheber glaubhaft in Text und Multimedia übersetzen.

Man kann allerdings einwänden, dass es sich beim „Tiefen-Bloggen“ gar nicht um einen neuen Trend handelt, sondern einfach nur um einen alten Hut, der mal wieder neu entdeckt wurde. Schon immer wurde nach mehr Tiefgang gerufen, wenn das Gewässer zu seicht zu werden drohte. Und seicht wird es, wenn Wahrnehmung und Denken in spotlightartig Vordergründigem und wahllos Tagesaktuellem zu versacken drohen. Im Trend zum Tiefen-Blogging verbirgt sich also der Wunsch nach einer erklärenden Zusammenhänglichkeit, wie sie nur von einem Autor kraft seiner Autorität geschaffen werden kann.


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