Homepages und Blogs

11.07.2007

Früher hatte der coole Zeitgenosse eine Homepage, heute betreibt er ein Blog. Jedenfalls wird sehr auf den Unterschied geachtet. So ist in vielen Beiträgen, egal ob innerhalb der Blogosphäre oder im außenstehenden Journalismus, von „Blogs und Homepages“ oder von „Homepages und Blogs“ die Rede, ganz so, als seien das unterschiedliche Medien, die man zwar in einem Atemzug nennen, aber ansonsten auf keinen Fall vermengen darf, und von denen Homepages das ältere Medium sind, Blogs das jüngere. Doch ist ein Blog denn eigentlich etwas so viel Anderes als eine Homepage? Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Es gibt auch Blogs, die besser eine klassische Homepage wären, und es gibt Homepages, die sich besser als Blogs organisieren ließen.

Die Inhalte: technische Bewältigung vs. Publikationsstress

Der klassische Homepage-Besitzer war unter anderem deshalb so stolz auf seine Homepage, weil er sich wegen ihr aufregend viel Neues angeeignet hat: er hatte sich mit HTML beschäftigt, vielleicht auch mit CSS oder JavaScript, und er hatte sich mit unzähligen Tücken und Merkwürdigkeiten herumgeschlagen, bis die Homepage endlich halbwegs vorzeigbar war. Doch die technischen Möglichkeiten entwickelten sich weiter. Vor allem gab es immer mehr Spielereien, die man als Homepage-Besitzer einfach haben musste: Rollover-Effekte bei Buttons, animierte Grafiken, Lauftexte und vieles mehr. Über all den Anstrengungen, den technischen Anschluss nicht zu verpassen, vergaßen viele Homepage-Inhaber völlig, sich Gedanken um die Inhalte ihrer Homepage zu machen. Grafiken von Baustellenschildern gehörten deshalb zum Standardinventar. Wo Zeit und Lust fehlten, um redaktionell zu arbeiten, kam einfach ein Baustellenschild hin. Für viele war der Inhalt sowieso sekundär. Die Homepage sollte in erster Linie etwas präsentieren, nämlich das programmiertechnische und gestalterische Können ihres Inhabers. Und nebenbei vielleicht auch noch seine Lieblingswitze, einen Bericht von irgendeiner Reise, ein paar Bilder von sich und Freunden, ein paar Links und einen Disclaimer.

Im Reich der Blogs besteht zwar ebenfalls die Möglichkeit, alles Technische von der Pike auf selbst zu stemmen, doch nur einige Profi-Blogger, denen es auf volle Kontrolle ankommt, nutzen diese Möglichkeit. Die Masse der Blogger meldet sich lieber bei einem der zahlreichen Gratis-Blogservices an. Wenige Minuten später kann dann bereits der erste eigene Beitrag im Netz stehen, in einem attraktiven, selbst ausgewählten und vielleicht noch angepassten Layout, und mit allen Standardfunktionen versehen, die ein modernes Weblog zu einem ebensolchen macht. Denn moderne Blogs basieren auf Web-Anwendungen, nicht mehr auf dem Erstellen statischer HTML-Dateien. Zur Webanwendung gehört auch ein mehr oder weniger komfortables Backend, also eine web-basierte Verwaltungsoberfläche. Für die Eingabe von Blog-Beiträgen sind gar keine oder nur geringe HTML-Kenntnisse erforderlich. So wird der Blogger sehr schnell auf seine eigentliche Aufgabe zurückgeworfen, nämlich das Erstellen von Inhalten. Blogs leben von neuen Inhalten. Wer keine oder zu wenig neue Inhalte bringt, wird nicht oder kaum gelesen. Ein Blog wird im Gegensatz zu einer Homepage nicht danach beurteilt, wie schön es aussieht, sondern ob sich darin inhaltlich etwas tut. Das Blog wird für viele Blogger schnell zum schreienden Tamagotchi, das ständig nachgefüttert werden will. Die Versuchung ist dann groß, sich bei fremden Inhalten zu bedienen, nachzuplappern und einfach nur zu zitieren.

Die Sortierung der Inhalte: thematisch vs. chronologisch

Eine Homepage präsentiert sich normalerweise thematisch sortiert. Die Inhalte der Startseite sind tendenziell statisch und wollen möglichst rerpäsentativ sein. Die Navigation führt den Benutzer in die Tiefen des Inhaltsangebots (sofern vorhanden). Selbst wenn auf den einzelnen Webseiten der Zeitstempel der letzten Bearbeitung oder der Entstehung des Inhalts verzeichnet ist, so nimmt der Benutzer primär wahr, welche Themen behandelt werden, doch nicht, wann sie behandelt wurden. Ein Blog dagegen ist typischerweise chronologisch sortiert. Auf der Startseite bekommt der Benutzer dynamisch die neuesten Inhalte angezeigt. Weitere Inhalte nimmt er oft zunächst über das kalendarisch geordnete Archiv wahr. Erst über zusätzliche Features wie Labels (Tags) oder eine Volltextsuche kann er sich einen Überblick über das thematische Spektrum eines Blogs verschaffen.

Wer also gar nicht viel und regelmäßig schreiben möchte und stattdessen eigentlich nur eine repräsentative Visitenkarte im Web haben möchte, sollte die Finger vom Bloggen lassen und sich eine Homepage einrichten. Wer dagegen seit Jahren eine Homepage unterhält, auf der sich in Form regelmäßiger Updates allerlei verstreute Beiträge, Berichte, Kommentare, Bilder und sonstiges Material angesammelt haben, sollte durchaus in Erwägung ziehen, auf ein Blog umzusteigen. Wie das geht? Nun, die Inhalte müssen vermutlich „zu Fuß“ übertragen, also kopiert und angepasst, also beispielsweise mit Tags/Labels versehen werden. In den meisten Blog-Software-Produkten ist es kein Problem, Beiträge auf das Datum zurückzudatieren, an dem sie tatsächlich einmal veröffentlicht wurden. So lässt sich durchaus nachträglich ein Blog mit jahrelanger Geschichte einrichten. Den Rest der Vorteile eines Blogs besorgt die Blog-Software automatisch: Indexierung der Inhalte für die in die Blog-Software integrierte Volltextsuche, Automatisierung der Navigation im Archiv usw.

Die Auffindbarkeit

Blogs haben in Sachen Auffindbarkeit unbestreitbare Vorteile: die Blogsoftware versendet bei neuen Beiträgen Pings an Zentralserver, wodurch neue Beiträge schnell in große und vielgenutzte Blog-Suchen wie die Google-Blogsuche oder Technorati geraten. Inhalte von Blogbeiträgen werden von der Blog-Software außerdem ganz oder teilweise in RSS- oder Atom-Feeds mitgeführt. Dadurch wird auch die stetig wachsende Anwenderschicht erreicht, die Inhalte mittlerweile lieber über einen Feedreader konsumiert statt direkt irgendwelche Websites nach Neuigkeiten abzuklappern. Die beiden Fakten, dass sich die Blog-Startseite mit jedem neuen Eintrag ändert, und dass ein ordentlich geführtes Blog über viele Inhalte verfügt, machen Blogs auch für Suchmaschinen attraktiver als Websites, deren wenige Inhalte seit ewigen Zeiten unverändert dastehen.

Dazu kommt der Zusammenhalt der Blogosphäre, der für eine bessere Auffindbarkeit sorgt. So etwa durch die verbreiteten Blogrolls, durch das System der Trackbacks und ganz allgemein durch die erhöhte Bereitschaft der Blogger, untereinander zu kommunizieren und sich reichhaltig untereinander zu verlinken. In den Anfangsjahren des Web hatte es im Homepage-Bereich durchaus vergleichbare, wenn auch weniger pfiffige Ansätze gegeben, wie etwa Webringe. Doch heute stehen herkömmliche Homepages eher isoliert da und haben im Vergleich zu Blogs weniger Chancen, entdeckt zu werden.

Allerdings stellt sich in vielen Fällen die Frage, von wem man eigentlich aufgefunden werden will. Muss es immer die ganze Welt sein? Wer eine elektronische Visitenkarte ins Netz stellt, braucht nicht tausende von Besuchern, sondern hat eine Webadresse, die er auf einer echten Visitenkarte abdrucken kann. Es genügt, wenn sich Freunde, Bekannte oder Geschäftspartner, die eine solche Visitenkarte erhalten haben, unter der angegebenen Adresse schlauer machen können. Der Google-Bot wird gar nicht benötigt.

Der Coolness-Faktor

Gerade weil die Blogs derzeit so stark boomen, dass tagtäglich hunderte und tausende neuer Blogs im Web eingerichtet werden, ist es nicht mehr zwangsläufig „cooler“, ein Blog anstelle einer Homepage zu unterhalten. In einigen Großstädten ist die Bloggerdichte bereits so hoch, dass Blogs so selbstverständlich sind wie Namensschilder an den Türen. Wer gerne gegen den Strom schwimmt, um sein Ego zu nähren, ist mit einer sehr individuellen, CSS-layoutierten und hochgradig barrierefreien Edel-Homepage vermutlich besser bedient. Und außerdem gibt es noch weitere Alternativen. Wer nicht gerne chronologisch publizieren mag, aber dennoch gerne auf Basis einer modernen Webanwendung arbeiten möchte, kann es ja auch mal mit einem Wiki probieren. In vielen Wiki-Systemen lässt sich skalieren, wer in dem Wiki publizieren und/oder kommentieren darf. Richtig skaliert, ist ein Wiki durchausaus nicht nur als Publikationsplattform für große und offene Communities geeignet, sondern auch für wenige Autoren bis hin zum Einzelautor, der das Wiki einfach als kreatives Content Management System für seine Web-Inhalte nutzt.


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