Tags und Labels vs. Outliner und Ordner

30.05.2007

In zahlreichen Web-2.0-Anwendungen ordnen Anwender ihre Daten nicht mehr in ein explorer-artiges Ordnersystem ein, sondern versehen Datensätze nur noch mit mehr oder weniger spontan vergebenen Schlüsselwörtern (im Fach-Slang als Tags oder Labels bezeichnet) und vielleicht noch ein paar Worten Kurzbeschreibungstext. Bestes Beispiel sind Social-Bookmark-Services wie del.icio.us, Mister Wong oder Google Bookmarks. Gerade die Bookmarks sind auch insofern ein Paradebeispiel, als hierbei die Konzepte frontal aufeinander treffen. Während nämlich in allen modernen Browsern die Bookmark/Favoritenverwaltung nach wie vor ordner-orientiert ist, setzen die web-basierten Services auf die flache, stichwortbasierte Ablagestruktur.

Wer nun denkt, dass die Gründe bei den Webanwendungen programmiertechnischer Natur sind, irrt. Es gibt genügend Code-Bibliotheken zur Realisierung von Baumstrukturen, auch im Bereich von Webanwendungen. Die Gründe sind eher konzeptioneller, ideologischer Natur. RSS-Blogger Siegfried Hirsch hat bereits vor zwei Jahren einen lesenswerten Artikel zu dem Thema geschrieben: Google läßt Hierarchien aussterben.

Ein wichtiger Gedanke beim Paradigmenwechsel in der Datenablage ist die Überlegung, dass Anwender nicht mehr entscheiden müssen sollen, wo sie ihre Daten einordnen, und beim Wiederauffinden sollen sie nicht mehr die Erinnerung abrufen müssen, wo genau sie welche Daten eingeordnet haben. Stattdessen übernimmt eine schnelle Volltextsuche das Wiederauffinden. Eine Volltextsuche, die so überragend schnell ist, dass sie mit dem Anspruch auftritt, jegliches Schubladendenken durch kreatives Chaosdenken ersetzen zu wollen.

Für Anwender, die mit Unix- oder DOS-basierten Verzeichnis- und Dateistrukturen, mit dem Windows-Explorer, mit Microsoft Outlook und anderen baumartig strukturierten Datenrepräsentationen „aufgewachsen“ sind, ist das Konzept der reinen Verstichwortung von Daten zunächst befremdlich. Tatsächlich werden sich solche Anwender anfänglich schwerer damit tun, solchermaßen abgelegte Daten schnell wiederzufinden. Doch wie so vieles ist auch das Taggen Übungssache. Mit der Zeit lernt man, in Stichwörtern und Kurzbeschreibungen alle Wörter und Ausdrücke unterzubringen, die man mit den so abgelegten Daten verbindet. Das Suchen ist dann ein Kinderspiel: einfach spontan ein Stichwort eingeben, und blitzschnell wird alles aufgelistet, was diesem Stichwort zugeordnet ist, oder wo dieses Stichwort im Namen, Titel, in den Stichwörtern oder der Kurzbeschreibung vorkommt.

Argumentiert wird gegen die Abschaffung der Hierarchien bei der Datenablage vor allem damit, dass intuitives Suchen den meisten Menschen stärker entgegen kommt als archivarisches Schubladendenken. Allerdings hat es auch für die Verwendung von Baumstrukturen immer glühende Verfechter gegeben. Gliederungseditoren (englisch: Outliner) unterstützen bewusst dabei, Inhalte in eine selbst entworfene Hierarchie einzuordnen. Nicht zufällig haben Outliner bereits eine lange Tradition. Auch viele Websites setzen eine hierarchisch organisierte Navigation ein, um dem Anwender eine klarere Vorstellung des Gesamtangebots zu vermitteln. Der Hintergedanke dabei ist, dass Menschen sich in der Regel gut merken können, wo etwas eingeordnet ist.

Der Kampf der Paradigmen hat auch mit dem zu tun, was man als Suchen und Stöbern bezeichnen kann. Suchen setzt voraus, dass man weiß, wonach man suchen will. Stöbern setzt voraus, dass man bereit ist, sich auf eine angebotene Struktur einzulassen. Vermutlich haben beide Paradigmen ihre Berechtigung. Und vielleicht werden auch die Konzept-Entwickler von Webanwendungen irgendwann anerkennen müssen, dass Einseitigkeit immer eine falsche Ideologisierung ist.


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