Guttenberg als Urheber für eine Urheberrechtsreform

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copy-paste.png Recht bedacht, ist es vielleicht besser, den Fall Guttenberg nicht einfach nur als Anlass zur Schadenfreude, sondern als glücklichen Anlass zum wirkungsvollen Ankurbeln der Urheberrechtsreform zu nutzen.
(eigentlich veröffentlicht am: 19.02.2011)

Der Fall Guttenberg erhitzt dieser Tage die Gemüter - auch im Netz. Fast die gesamte Netzbewegung, die sich sonst sehr kritisch gegenüber tradiertem Urheberrecht und erst Recht gegenüber verlegerischen Verwertungsansprüchen äußert, begrüßt jedes neue gefundene Plagiat in des Ministers Doktorarbeit mit Wir-habens-doch-gewusst-Jubel. Was sich da äußert, ist allerdings eher die schlichte Schadenfreude über das Straucheln eines aalglatten Erfolgsmenschen der unzeitgemäß gewordenen Repräsentantenkaste. Dagegen könnte der Fall Guttenberg durchaus dazu dienen, die Diskussion um das Urheberrecht in breitere Schichten der Bevölkerung zu tragen.

Die schnelle Vernetzung von Inhalten im Web hat unter anderem den Effekt, dass geistige Anstrengungen, die früher auf wenige Köpfe verteilt waren und teilweise jahrzehnte- oder jahrhundertelang auseinander lagen, heute oftmals sehr zeitnah und in vielen Köpfen stattfinden. Man könnte es als Folge der netztypischen Schwarmintelligenz bezeichnen. Die macht es für Teilnehmende aber auch fast unmöglich, genau auseinander zu halten, was aus welchem Kopf stammt. Sicherlich, es lässt sich leicht für alles eine URL finden, wo ähnliche oder vorausgehende Gedanken oder Aussagen gespeichert sind. Aber die Leser sind ja schließlich selber aufgeklärte User und können die akribische Arbeit, welche Gedanken sich wie genau entwickelt haben, bei Interesse selber leisten. Aus schwarmintelligenter Sicht kommt es ohnehin nicht mehr so genau darauf an, wer wann was gesagt hat, sondern dass sich konsensfähige Richtungen und Entwicklungen auf möglichst hohem reflexiven Niveau abzeichnen. So funktioniert das innerhalb der digital vernetzten Sphäre, und weil diese das Paradigma des 21. Jahrhunderts ist, werden irgendwann auch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft so funktionieren.

Doch was hat das alles mit dem adretten Minister zu tun? Der ist ja mit seinen ganzen Einstellungen und Ämtern nicht gerade ein bewusster Teil der digital vernetzten Sphäre, sondern eher so eine Art späte Galeonsfigur einer ansonsten längst aussterbenden Gattung. Seine Doktorarbeit darf deshalb nicht an den Paradigmen des digital-kooperativen Networkings gemessen werden, sondern muss an die Messlatte des klassisch-akademischen Umfelds.

Dennoch stellt sich die Frage, ob es wirklich das Beste ist, den Fall Guttenberg einfach nur als Lachnummer und schadenfroh beobachtete Selbstdemontage eines Boulevardmedien-Strahlemanns zu verbuchen. Die Popularität Guttenbergs wäre durchaus geeignet, um die gerade beginnende Diskussion einer Neubewertung von geistiger Urheberschaft im digital vernetzten Raum selbst ein Stück weit populärer zu machen. Der bekannte Konstanzer Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen jedenfalls schlägt in dem Artikel Der "Fall" Guttenberg die Brücke zwischen der durchaus selbstverständlichen und notwendigen akademischen Aberkennung der guttenbergschen Doktorwürde einerseits und der aktuellen Diskussion um eine Öffnung des geltenden Urheberrechts andererseits: „Ein starkes Urheberrecht könnte, Guttenberg sei Dank, ein offenes Urheberrecht werden“, so lautet Kuhlens zentrale These in dem Artikel.

Kuhlen begründet seine These akademisch scharfzüngig damit, dass die Merkel-Regierung vor einem Dilemma steht: wenn sie Guttenberg die Plagiate als Kavaliersdelikt durchgehen lässt, macht sie sich mit ihrem gesamten Eintreten für einen starken Urheber- und Verwertungsrechtsschutz selber unglaubwürdig. Ist sie dagegen konsequent, muss sie Guttenberg absägen und damit ihren populärsten Repräsentanten opfern - kein guter Schachzug. Zunächst einmal muss die Regierung jedoch überhaupt in dieses Dilemma gebracht werden. Und das geht nur, wenn die vierte Macht im Lande, die ja längst nicht nur aus unverlinkbaren Verlagserzeugnissen besteht, sondern mehr und mehr aus kooperativen Netzinhalten, genau dafür sorgt.

Aus der peinlichen Copy+Paste-Leidenschaft des Doktoranden Guttenberg, die auf dem GuttenPlag Wiki eindrucksvoll dokumentiert ist, könnte also - ein entsprechendes Engagement der publizierenden Netzgemeinde vorausgesetzt - durchaus ein unverhoffter Strafstoß fürs eigene Team werden. Dabei gilt es aber auch, sich ernsthaft mit der Materie auseinander zu setzen - so wie der Carta-Artikel Den gordischen Knoten durchschlagen – Ideen für ein neues Urheberrechtskonzept.

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