Ein paar Gedanken zu Ägypten

03 Feb 2011 19:45

Das sind historische Tage in Ägypten und in einigen anderen Staaten wie Jordanien, dem Jemen oder dem Sudan. Dementsprechend viel ist natürlich auf Twitter dazu zu lesen. Der Vorteil dabei: die Thesen fliegen einem im 140-Zeichen-Format um die Ohren. Das genügt auch, denn den Rest kann man sich ohnehin dazu denken, und zu abwägenden, kenntnisreichen Analysen ist ohnehin kaum jemand in der Lage derzeit. Eine kleine Reise durch das Thesenge(t)witter.

Aber nur eine kleine Reise, denn ich bin kein Ägypten-Experte. Und damit geht es auch schon los:

  • Plötzlich ist die Welt voller Ägypten-Experten, die immer schon alles besser gewusst haben. Tweet von @HolgerKrahmer

Das ist wie mit den Fußballtrainern während einer Fußball-WM. Vielleicht wäre es nicht schlecht, angesichts dessen einen namhaften Experten für Nahost und die arabische Welt anzuhören. Schon Tags zuvor hatte es bereits vereinzelt durch Twitter gehallt: „wo bleibt eigentlich Peter Scholl-Latour“? Mittlerweile hat sich der Oberexperte an verschiedenen Stellen geäußert. In Twitter kommt er allerdings nicht sonderlich gut weg:

  • will nicht noch einmal Peter Scholl-Latour im Öffentlich-Rechtlichen ressentiment-getränkte Allgemeinplätze schwadronieren hören!. Tweet von @laetti

Wobei diese Kritik vielleicht weniger auf Peter-Scholl-Latour zielt, sondern eher auf „die Öffentlich-Rechtlichen“. Als 1990 die Amerikaner den Irak bombardierten und damit den zweiten Golfkrieg begannen, sendeten ARD und ZDF rund um die Uhr jene damals neuartigen Bilder vom sauberen Krieg, mit Visualisierungen von Bombeneinschlägen wie in einem Nintendo-Spiel. Und ganz nebenbei entstand das neue Format „Frühstücksfernsehen“. Bei den gegenwärtigen Geschehnissen gibt es bei diesen Sendern dagegen nur noch ein Format: Schlafmützenfernsehen. Twitter ist da mehr als deutlich — auch ich selber habe dazu beigetragen:

  • Der Sender für politische Infos und Bildung in DE heißt Al Jazeera. Die haben unsere GEZ-Beiträge verdient! #Ägypten Tweet von @Webkompetenz

Allerdings muss man dazu eigentlich gar keine Tweets zitieren. Kritische Medienreflexion gehört ja längst zum Medienalltag, und so verwundert es nicht, dass diese Kritik auch in anderen namhaften Medien artikuliert wird, so etwa im FAZ-Artikel ARD und ZDF scheitern an Ägypten: Wir sind nicht dabei gewesen.

Ja, eine Gedankenreise zur Revolte in Ägypten (oder ist es eine Revolution? Selbst bei so einer einfachen Wortwahl muss man so viel beachten!), eine solche Gedankenreise landet auch im eigenen Land. Denn das Schweigen der Öffentlich-Rechtlichen könnte Teil eines Tabus sein. Etwas, worüber man nicht redet in der westlichen Freiheit. Und was ist das? Es ist nicht einfach zu beschreiben und scheint etwas damit zu tun zu haben, dass die arabische Welt uns gar nicht so fremd ist und nicht nur aus verrückten Öl-Milliardären, radikalen Dschihad-Kämpfern und kopftuchverhängten Gebärmaschinen besteht, sondern zum größeren Teil aus relativ jungen, ganz normalen, modernen Menschen, gesellschaftlich und religiös Entwurzelten (bestenfalls Ritualpflegenden), mit Einraumwohnung oder Kleinfamilie, Facebook-Account, Minus auf dem Konto und dem wachsenden Gefühl, nur verarscht zu werden. Das offizielle Deutschland sieht aber lieber das abstrakte Machtgleichgewicht zwischen westlichen Interessen, den Interessen Israels und den Interessen arabischer Führer, dieses Machtgleichgewicht, das als zu bewahrender Frieden interpretiert wird. Diese militärstrategische Sicht der Dinge kommt aber der Bevölkerung zunehmend abhanden. Und so tönt es:

  • Für die lasche Haltung unserer Regierung zu Ägypten kann man sich als Deutscher nur schämen. "Meinungs- und Informationsfreiheit angemahnt" Tweet von @Rennrad_Opa

Andere interpretieren die diplomatische Zweizüngigkeit einfach nur sarkastisch:

  • Wowereit: "Nofretete soll neue ägyptische Staatspräsidentin werden!" Merkel: "Die bleibt hier auf ihrem Zimmer!" Tweet von @VolkerRemy

Wieder andere stellen eine Parallele her, die sagen will: wir sind in Gedanken bei euch Mutigen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Denn genauso wie wir immer geglaubt haben, dass es bei euch nur böse, verblendete, radikale Fundamentalisten gebe, habt ihr wahrscheinlich immer geglaubt, bei uns gebe das alles tatsächlich, also Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit usw. Nein, ihr lieben Brüder und Schwesten im Pharaonenland: wir werden genauso an die Wand gedrückt, von gebetsmühlenartig wiederholten Lügen, von Tabus und einem Kordon aus alternativloser, lobby-gesteuerter Parteipolitik, unterstützt durch einen satten Regulierungs- und Bürokratenapparat zur Normierung der Bevölkerung. Immer mehr denken so, und nicht anders sind Tweets wie diese zu verstehen:

  • Wir werden wohl mit Merkel auch so ein Theater haben wie die Ägypter mit ihrem ägyptischen Kuhstall äh' Mubarak. Tweet von KingBalance

Immer wieder ist auch die Rede davon, dass sich da in Tunesien, Ägypten, Jordanien, Jemen, Sudan und anderswo eine bislang nicht wirklich wahrgenommene oder neue soziale Gruppe zu Wort meldet, die in netz-affinen Kreisen gerne als „Generation Facebook“ oder „Generation Twitter“ bezeichnet wird. Oft genug wurde allerdings auch schon die Frage gestellt, ob es sich bei dieser Interpretation nicht nur um realitätsblindes Wunschdenken von Nerds handelt. Zunächst einmal ist es einfach eine bislang wenig beachtete, relativ junge, mäßig bis gut gebildete Mittelschicht, die sich da artikuliert und gegen Diktatur und für Bürgerrechte aufbegehrt. Es könnte allerdings durchaus das digitale Networking sein, das diese Mittelschicht zu einer politisch agierenden Gruppe formiert. Denn um Teil einer Umsturzbewegung zu sein, muss man nicht zwangsläufig aussehen wie Rainer Langhans:

  • @Muschelschloss genial deutschlands 68er geht ins dschungelcamp und Generation Internet befreit Ägypten Tweet von FFU123

Dass das Internet tatsächlich eine wichtige Rolle spielt bei den Vorgängen in Ägypten und anderen in Bewegung geratenen Ländern der arabischen Welt, ist allein schon daraus ersichtlich, dass Mubarak so weit ging, das eigene Land weitestgehend vom Netz zu trennen. Der sogenannte „Kill-Switch“ (noch so eine Vokabel dieser Tage, die in der ganzen Welt ihre Kreise zog), der ägyptische Kill-Switch also war immerhin nach langer Zeit endlich mal wieder eine richtig flotte Steilvorlage für die Piratenpartei: Abschalten unmöglich - Piratenpartei bringt Internet nach Ägypten titelte sie vielbeachtet und meinte damit das Bereitstellen von Modemverbindungen. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, so etwa der Artikel Die letzte Schlacht der Cyber-Utopisten der Neuen Zürcher Zeitung. Kann man als Qualitäts- und Printmediengemecker abtun, muss man aber nicht. Ganz anders dagegen „unser“ Richard (Gutjahr), der erprobte Krisenberichterstatter, der sich als freier Blogger mitten in den Kessel von Kairo begeben hat und von dort aus sendet: „Wer gedacht hat, das Internet sei nichts weiter als eine vorübergehende Modeerscheinung, der bekommt in diesen Tagen die gewaltige Macht zu spüren, die hinter dieser Technologie steckt: die Macht des Individuums“ (aus dem Artikel Talk Like An Egyptian).

In jedem Fall verstummen fröhliche digitale Aktionen wie die Modem-Sammlung der Piraten schnell, wenn in den Straßen die Gewalt eskaliert, wenn es Tote und Verletzte gibt. Trotz der friedlichen Massenproteste kam es zu hasserfüllten Kämpfen zwischen mubarak-treuen Überfallkommandos und davon aufgebrachten Demonstranten. Dazwischen das Militär mit schwerem Geschütz, fähig, alles in Schutt und Asche zu legen, aber in erstaunlichem Maße besonnen agierend. Das wirft Fragen auf:

  • Ägyptische Armee an der Seite des Volkes? Ranghohe Offiziere sind in den USA ausgebildet. WELCHES Volk jetzt bitte genau? Tweet von @Wurfschuh

Ja, die USA, ihre westlichen Verbündeten und Israel. Es stellt sich heraus, dass alle sich auf den Nahost-Stabilitätsfaktor Mubarak verlassen haben. Es wird auch uns wieder bewusst, was wir zuvor längst wieder verdrängt hatten, nämlich dass dem Westen diese Stabilität stets wichtiger war als die Lebenssituation der Menschen unter seinem Regime. Verdrängt, obwohl eigentlich jedes Kind weiß, warum:

  • Wirtschaftsführer verfolgen an der Zapfsäule gebannt die Revolution in Ägypten. #egypt #anteilnahme Tweet von @businessjabroni

Der Spritpreis, also der Dow Jones des kleinen Mannes, könnte in ungeahnte Höhen steigen, falls die Unruhen beispielsweise zu einer Sperrung des Suez-Kanals führen. Doch selbst wenn diese Sorge berechtigt ist, wird sie zum Zynismus, sobald sie als Begründung dafür herhalten soll, dass es besser wäre, alles bliebe beim alten, und dass das System Mubarak doch gar nicht so schlecht sei. Ähnlich ist es beim Tourismus-Argument: so haben nach Ausbruch der Unruhen schätzungsweise eine Million ausländischer Touristen Ägypten verlassen. Das entspricht einem Einnahmeverlust von einer Milliarde Dollar. Verständlich, dass die Reisebranche jammert.

  • N-TV: "Keine Reisen nach Ägypten, Unruhen kosten Tui Millionen." Kampf um die Freiheit kostet viele Menschen dort das Leben, tja….. Tweet von @Schreiber_Peter

Die Reiseveranstalter verschweigen natürlich, dass die Sonnenhungrigen dann eben einfach woanders hinfliegen, und die Kulturbeflissenen sich eben Maya-Stätten anstelle von Pyramiden ansehen. Liebe Reiseveranstalter, aber ein Tweet wie „die Einnahmenausfälle zollen wir gern, wenn unsere Kunden anschließend ein freies, glückliches Reiseland vorfinden“ wäre vielleicht mal was Neues, etwas, das im Network-Zeitalter wirkt!

Die kleine Gedankenreise neigt sich damit dem Ende zu. Es ist Donnerstag abend. Am morgigen Freitag soll nach den Freitagsgebeten ein neuer Millionenmarsch durch Kairo starten.

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