Bloggergate und die Authentizitätsfrage

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In einem Teil der deutschen Blogosphäre wird derzeit mit harten Bandagen gekämpft. Auslöser ist ein Skandal, in den über 100 Blogs verwickelt sein sollen. Dabei geht es um die Machenschaften von Search Engine Optimizern (SEOs), um Schleichwerbung, um den Reputationsscherbenhaufen für das BasicThinking-Blog und die Site Onlinekosten.de, sowie um die Art, wie der Skandalenthüller Sascha Pallenberg bei der ganzen Sache vorgegangen ist. Es geht aber auch um Fragen wie die, wie authentisch käufliche Blogs sein können.

Sascha Pallenberg, dessen Blog netbooknews.de zu den meistgelesenen im deutschen Sprachraum gehört, hatte ausführliche Informationen zu dem Skandal zugespielt bekommen. Etwas lautstark kündigte er daraufhin für die nächsten Tage einen „Tsunami“ an.

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Twitter-Ankündigungen von Sascha Pallenberg am 21. Januar 2011

Am Abend des 27. Januar war es dann so weit:
Basicthinking, Onlinekosten GmbH und der Keyword-Spam
Der Enthüllungsartikel erschien und nennt die Hauptschuldigen ja auch gleich im Titel.

Zu den Hintergründen: SEOs, manchmal auch als Glücksritter bezeichnet, sind Experten, die Website-Anbietern helfen, ihre Sites in Suchmaschinen, vor allem natürlich in Google, besser zu platzieren. Ein probates Mittel dazu führt über zahlreiche gewöhnliche, inhaltliche Links (keine erkennbaren Werbelinks) von sonst unverbundenen externen Sites zu der Site, die im Ranking steigen soll. Und da SEOs, manchmal nur, versteht sich, zu der Überzeugung neigen, dass der Zweck die Mittel heilige, denken sie sich schon mal solche Dinge aus wie jetzt durch Sascha Pallenberg bekannt geworden. Für den Auftraggeber onlinekosten.de (unverkäuflicher Link) haben also solche Glücks- äh SEOs lauter Besitzer kleinerer und mittlerer Blogs kontaktiert und ihnen etwas Taschengeld für eine „Kooperation“ mit dem Aufschau-Blog basicthinking.de (unverkäuflicher Link) angeboten. Dazu sollten die Autoren in ihren Blogs Artikel mit bestimmten enthaltenen Links schreiben. Damit das Ganze nicht auffliegt (weil es juristisch als Schleichwerbung auslegbar wäre), bekamen die teilnehmenden Blogger recht heftige Verträge aufgebürdet, mit Verschwiegenheitsverfplichtung gegen Geldstrafe von 5001 Euro (Streitwert-Mindestlevel für teuere Landgerichtsprozesse) und der Verpflichtung, alle Hinweise auf diese Vereinbarungen unwiderbringlich von ihren Festspeichern zu löschen.

Nun ist die Sache also irgendwie doch aufgeflogen, mitsamt Beweissicherungsmaterial. Die SEO-Branche prügelt derweil erst mal geschlossen auf Sascha Pallenberg ein, der vielleicht den Fehler begangen hat, die ganze Branche in ein kriminelles Zwielicht zu rücken. Doch das werden die SEOs schon wieder hinbekommen, mit ehrlicher Arbeit und leuchtenden, für jeden nachvollziehbaren Erfolgen. Um die muss man sich also keine Sorgen machen.

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Der Tsunami war denn doch eher eine satte Welle, bei der niemandem das Popcorn aus der Hand fiel

Ein anderer Fehler, der Pallenberg vorgeworfen wird, verdient meines Erachtens mehr Beachtung: kritisiert wird, dass er nicht die Namen der Blogger veröffentlicht hat, die bei der Aktion mitgemacht haben (obwohl er offenbar über eine Liste mit Namen verfügt). Er verschweigt der Welt diese Liste mit der Begründung, bei den betroffenen Bloggern handele es sich eigentlich mehr um Opfer denn um Täter. Nun kann ich durchaus die Argumentation nachvollziehen, dass es unangemessen wäre, lauter rechtsunkundige, oft jüngere Blogger, die nur mal stolz ein paar Euro verdienen wollten, an den Pranger zu stellen und der Lynchjustiz des Netzes zu übergeben. Doch andererseits muss man auch im Auge behalten, dass es ohne die Bereitschaft von Bloggern, auf solche Angebote einzugehen, gar keine derartigen Suchmaschinenbetrügereien gäbe. Wer publiziert, kann sich nicht von jeder Schuld reinwaschen und muss auch mal ertragen, im Zusammenhang mit Fehlverhalten und Vorwürfen öffentlich genannt zu werden. Man hätte meines Erachtens klar trennen können zwischen denen, die tatsächlich zur Verantwortung zu ziehen sind, und jenen, die sich zwar der Mittäterschaft schuldig gemacht haben, bei denen aber die bloße Nennung im Zusammenhang mit dem Skandal als „Strafe“ genügen muss. Das hätte Pallenberg mit etwas Feingefühl durchaus so kommunizieren können, dass er dafür Zustimmung auf breiter Front erhalten hätte und die betroffenen Blogger keine Massenhatz zu befürchten gehabt hätten.

Schuld? Welche Schuld, fragen unterdessen manche. Es gebe schließlich kein Gesetz, dass den Kauf von Textlinks verbiete. Und rechtliche Grauzonen gibt es in diesem Bereich tatsächlich. Der Vorwurf der Schleichwerbung ist jedoch speziell in diesem Fall, bei dem schon aus den Vertragsformulierungen mit den Bloggern hervorgeht, dass den Urhebern die Unrechtmäßigkeit der Sache voll bewusst war, nicht von der Hand zu weisen. Die bloggende Anwaltskanzlei Schwenke & Dramburg klärt im Artikel Verschleiert, viral und illegal – Zur Rechtswidrigkeit von Schleichwerbung auf: „Rechtswidrig handelt, wessen Blog den Anschein erweckt, es handelt sich um einen objektiven und unabhängigen Beitrag, obwohl dieser tatsächlich gesponsert ist und dazu dient für ein bestimmtes Unternehmen zu werben. In diesem Fall muss ein Hinweis auf dieses Sponsoring erfolgen. Das besagt das so genannte “Trennungsgebot”, nach dem redaktionelle Inhalte klar von gesponserten und Werbeinhalten getrennt sein müssen“.

Womit wir zur Authentizitätsfrage kommen. Unabhängig von der juristischen Bewertung stellt sich nämlich für die Leser von Blogs die Frage, wie vertrauenswürdig ein Blog ist, dessen Beiträge käuflich sind, ohne dass äußerlich erkennbar ist, welcher Beitrag gekauft ist und welcher nicht. Das Thema Bloggen und Authentizität ist ein durchaus traditionsreiches und wichtiges Thema in der Blogosphäre. Im alten Webkompetenz-Blog aus dem Jahr 2007 habe ich ebenfalls schon mal ein paar Überlegungen zum Thema Die Blogs und das Authentische angestellt. Bekannter sind aber wohl Artikel wie Müssen Blogs authentisch sein? (Spreeblick). Gerade jüngere Menschen haben weniger Bezug zu traditionellen Leitmedien und orientieren sich vorwiegend an Netzquellen, wobei diese auch nicht unbedingt die Online-Präsenzen klassischer Verlegermagazine oder Fernsehsender sind, sondern eher die persönlichen Timelines von Facebook, Twitter und Co. Und eben auch die regelmäßig konsumierten Blogs. Es ist ihre Rezipientenangelegenheit, was sie von alledem glauben wollen und was nicht. Doch wenn sich selbst vertrauenswürdig erscheinende Quellen wie persönliche, sonst authentisch wirkende Blogs alle Augenblicke lang als Farce erweisen, die von fremden Interessen geleitet sind, dann wird Unglaubwürdigkeit zum anzunehmenden Normalfall, und außer dem schwarzem Humor der Ungewissheit ist nichts gewiss. Wollen wir das, nur um das Moralisieren zu vermeiden?

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