Google Buzz - Rekordstart eines neuen Services

13 Feb 2010 16:17

Wenn sich die Szene bislang über Social Networking unterhiellt, war immer von Twitter und Facebook die Rede. Meist in dieser Reihenfolge, womit in etwa gemeint ist: Twitter zum Publizieren, Facebook zum Menscheln und Spielen. Wer besondere Kompetenz beweisen wollte, erweiterte die Aufzählung gegebenenfalls noch um FriendFeed, Posterous, Formspring oder Foursquare. Seit dieser Woche ist über Nacht jedoch ein weiterer Service mit dabei, der sich schon nach wenigen Tagen nicht mehr ignorieren lässt: Google Buzz.

Eigentlich ist darüber in den letzten Tagen schon so viel gebloggt, getwittert und natürlich gebuzzt worden, dass es nichts Neues mehr darüber zu sagen gibt. Aber wie das so ist im dezentralen Netzmedium: es genügt nicht, dass alles schon irgendwo gesagt wurde. Es muss hier und dort und in vielen Varianten gesagt werden. Deshalb also auch hier noch — mit ein paar Tagen Verspätung — das Wichtigste über den neuen Service.

Basics

Google Buzz (to buzz = summen, brummen) ist ein neuer Service von Google. Es handelt sich um um einen Social-Networking-Dienst und um einen Microblogging-Dienst. Ein Social-Networking-Dienst ist es insofern, als er Benutzern ermöglicht, ihre Profile zu vernetzen und miteinander zu kommunizieren. Ein Microblogging-Dienst ist es insofern, als die Nutzung darin besteht, eigene Statusmeldungen abzusetzen und die Statusmeldungen von Benutzern, mit denen man sich vernetzt hat, als Neuigkeitenstrom zu sehen. Dazu ein Screenshot:

buzz-uebersicht.png
Übersichts-Screenshot: Google Buzz

1 Eigene Beiträge

Im Gegensatz zu anderen Microblogging-Services gibt es keine Zeichenbegrenzung. Anders als etwa in Twitter ist es also möglich, Sätze auszuformulieren und auf URL-Verkürzerdienste für Links zu verzichten. Erzwungene Zeilenumbrüche im Text sind möglich und werden wiedergegeben. Außerdem gibt es einige wenige, nicht offiziell dokumentierte Möglichkeiten einfacher Formatierung:
*fetter Text*
_kursiver Text_
-durchgestrichener Text-
URL-Adressen werden bei der Ausgabe automatisch anklickbar.

2 Links und Fotos anhängen

Ähnlich wie bei Facebook ist es möglich, an ein Status-Posting einen Link oder ein Foto anzuhängen. In absehbarer Zeit wird es sicher auch möglich sein, Videos oder Audio-Ressourcen anzuhängen. Auch das Anhängen von mehreren Ressourcen wird hoffentlich irgendwann möglich sein. Durch Hochladen angehängte Fotos werden automatisch in den Picasa-Web-Speicher des Benutzers geladen.

3 Sichtbarkeit von Statusmeldungen

Bei jedem Status-Posting ist einstellbar, ob es öffentlich oder nur für ausgewählte Benutzer sichtbar sein soll. „Öffentlich sichtbar“ bedeutet bei Google Buzz so wie bei Twitter und anders als bei Facebook tatsächlich „öffentlich sichtbar und auffindbar im Web“. Und da Suchen im Web zu 90% über Google geschieht, haben Buzz-Postings aus dem eigenen Hause natürlich eine bevorzugte Auffindbarkeits-Chance, ähnlich wie blogspot-Artikel.

Übrigens bringt Google Buzz auch selbst eine Volltextsuche mit, die ausschließlich in Buzz sucht und mit von Google gewohnter Schnelligkeit alles nur Erdenkliche findet, was in Buzz gepostet wird. Erst seit einigen Monaten ist Google in der Lage, Inhalte quasi in Echtzeit auffindbar zu machen (Beispielsuche in Twitter).

Wählt man anstelle der Option Öffentlich die Option Privat, kann man Gruppen von Benutzern auswählen, für die das Posting sichtbar sein soll. Angeboten werden dabei die Gruppen, die man im Kontakt-Manager von Google Mail angelegt hat. Von den dort versammelten Benutzern können allerdings nur diejenigen das Posting sehen, die selbst einen Google-Account haben.

4 Beiträge

Beiträge in Google Buzz können Ergebnisse von direten Texteingaben in dem Eingabefeld von Buzz sein, so wie bei (1) beschrieben. Es ist aber auch möglich, Inhalte von anderen Webservices automatisiert in Google Buzz einzuspeisen. Per Default wird bereits angeboten, alle Tweets eines eigenen Twitter-Accounts als Google-Buzz-Meldungen zu veröffentlichen. Auch aus eigenen Empfehlungen in Google Reader, dem Online-Feedreader von Google, lassen sich automatisierte Beiträge in Google Buzz erzeugen. Auch Feeds von Blogs werden erkannt, wenn diese im eigenen Google-Profil als Link hinzugefügt werden. Dadurch ist es möglich, Blogartikel automatisiert auch in Google Buzz zu posten.

5 Anhänge

Bilder oder Links — siehe (2) — werden ähnlich wie bei Facebook am Ende einer Statusmeldung angezeigt. Anders als bei Twitter ist also kein Rückgriff auf Zusatz-Services wie Twitpic nötig.

6 Reaktionsmöglichkeiten

Auch hier verhält sich Buzz analog zu Facebook. Status-Postings lassen sich kommentieren. Kommentare erscheinen direkt unter dem Posting. Neben der Möglichkeit eines Kommentars gibt es den schlichten Gefällt-mir-Link, der unterhalb des Status-Postings eine automatisch generierte Zustimmungsbekundung einblendet. Die dritte Möglichkeit besteht darin, das Status-Posting mitsamt aller Anhänge, Kommentare und Zustimmungsbekundungen als E-Mail an beliebige Empfänger zu senden. Wegen der direkten Integration in Google Mail muss dazu keine zusätzliche Software oder Anwendung geladen werden. Es genügt, Empfänger einzugeben oder auszuwählen und die Mail abzusenden.

7 Gefällt-mir-Bekundungen

Bei vorhandenen Gefällt-mir-Bekundungen zu einem Status-Posting sind die Namen der Leute einsehbar, denen das Posting gefällt.

8 Kommentare

Manchmal sammeln sich Dutzende von Kommentaren zu einzelnen Status-Postings an. Besonders wenn eine richtige Diskussion entsteht. Leider gibt es keine Einrückungsdarstellung, durch die genau sichtbar wird, wer auf wen antwortet. Aber an flache Board-Strukturen hat man sich ja mittlerweile schweren Herzens gewöhnt :-)
Bei vielen Kommentaren lassen sich durch einen Link wie 8 weitere Kommentare die übrigen Kommentare aufklappen.

Teilnahmevoraussetzungen und Integration

Um an Google Buzz teilnehmen zu können, ist wie für die Nutzung anderer personalisierter Services von Google ein kostenloser Google-Account erforderlich. Über den Account sind neben Buzz und Google Mail auch Services wie Google Docs, Google Sites (Wikis), Google Kalender, Google Checkout (Alternative zu PayPal) und zahlreiche andere nutzbar. Für einige Leute ist diese Voraussetzung nicht akzeptabel, da sie mit der exzessiven Datenspeicherung bei Google nicht einverstanden sind (zur Auseinandersetzung darüber siehe auch Verhältnis zu Google).

Derzeit gibt es folgende Zugänge zu Buzz:

1. über Google Mail

buzz-in-gmail.png
Integration in Google Mail: im Menü links befindet sich unter dem Link zum Posteingang der neue Link zu Buzz

Dieser Zugang ist der Standard-Zugang, über den man als Buzz-Teilnehmer seine Timeline mit allen aktuellen Postings von einem selbst und allen von einem selbst abonnierten („verfolgten“) anderen Benutzer sieht.

2. über die Google-Profilseiten von teilnehmenden Anwendern

buzz-in-profilen.png
Integration in Google Profilseite: im Reiter findet sich ein Link zu Buzz

In dieser Ansicht wird nur die Buzz-Timeline des Besitzers der Profilseite angezeigt, also von ihm selbst initiierte Status-Postings. Die gleiche Ansicht gibt es auch innerhalb der Google-Mail-Integration, wenn man dort auf einen Teilnehmernamen klickt. Der Unterschied ist, dass die Ansicht in den Google-Profilseiten Teil des öffentlichen Web ist, sofern man nicht alle Informationen unterdrückt. In dieser Hinsicht verhält sich Buzz also wieder wie Twitter, wo die Timelines einzelner Teilnehmer, solange diese nichts anderes einstellen, ebenfalls öffentlich sind, wie etwa die Twitter-Timeline von Webkompetenz. Google Buzz positioniert sich dadurch anders als Facebook — weltoffener und weniger als geschlossene Nutzergesellschaft. Buzz-Postings werden natürlich auch von der hauseigenen Suchmaschine verarbeitet. Wer an Buzz teilnimmt, sollte sich also darüber im Klaren sein, dass alle Beiträge, die man mit der Option öffentlich postet, Teil des Web und in Suchmaschinen wie Google auffindbar werden.

3. mobiler Zugang

buzz-mobile.png
Zugang über web-fähige Mobil- und Smartphones (Quelle: Mashable)

Über die Startadresse http://buzz.google.com/ werden mobile Zugangsgeräte erkannt. Bei Google angemeldete Teilnehmer können ihre Buzz-Timeline in der Ansicht sehen, wie sie über Google Mail erreichbar ist, jedoch optimiert für kleine Displays.

Im Zusammenhang mit dem mobilen Zugang bietet Google auch noch die Integration mit Google Maps an. Dieses Feature ist ein klarer Angriff auf neuere, hoch gehandelte Services wie Foursquare, denn es ermöglicht mobilen Teilnehmern, via GPRS ihre aktuelle Position in Form einer Google-Maps-Karte als Status-Posting abzusetzen. Wer also allein im Café einer fremden Stadt sitzt und sich langweilt, kann auf diese Weise schnell Gesellschaft finden, weil vielleicht einige seiner „Buzz-Verfolger“ direkt um die Ecke wohnen und das Posting lesen.

4. Andere Zugänge

Google Buzz hat offene Programmierschnittstellen. Angesichts des geradezu explosiven Starts ist damit zu rechnen, dass binnen kurzer Zeit eine Flut von Clients aller Art für Buzz angeboten werden wird. Ein erster Desktop-Client, basierend auf Adobe Air, wird bereits angeboten.

Wer gerade keinen Browser hat, sondern nur einen E-Mail-Client, in dem er aber sein Google-Mail-Konto konfiguriert hat, kann über dieses Konto eine E-Mail an die Adresse moc.liamg|zzub#moc.liamg|zzub senden. Der Inhalt wird dann als eigenes Status-Posting in Buzz veröffentlicht.

Sehr gelungen ist auch die Integration von Buzz und Google Reader, dem Online-Feedreader von Google, den man ebenfalls mit einem Google-Account nutzen kann. Dort kann man Artikel, die man für besonders gut und wichtig hält, „empfehlen“. Die Integration mit Buzz sorgt dafür, dass Artikel-Empfehlungen automatisch zu eigenen Status-Postings in Buzz werden.

5. Kombination mit Twitter, Friendfeed usw.

Die in Google Mail integrierte Buzz-Oberfläche bietet bereits von Haus aus an, einen existierenden Twitter-Account in Buzz zu übernehmen. Der gewünschte Account muss einfach nur angegeben werden. Neue Tweets erscheinen dann automatisch auch als Buzz in Google. In der gegenwärtigen Anfangsphase ist die Übernahme jedoch unbefriedigend, da Tweets oft erst nach mehreren Stunden in Buzz erscheinen, was ein Cross-Posten bei sehr aktuellen Inhalten eher unattraktiv macht. Es ist jedoch anzunehmen, dass dieses Problem irgendwann der Vergangenheit angehören wird.

Wenn man auf der eigenen Google-Profilseite etwa die Feedadresse eines eigenen Blogs als Link einträgt, lassen sich die Inhalte dieses Feeds ebenfalls in den eigenen Buzz-Stream einbinden. Auf den Volltext-Feed eines Blogs angewendet, lässt sich sogar ein vollständiges Blog in Buzz integrieren. Auch Posterous bietet bereits eine Integrationslösung an.

Andersherum ist es schwieriger, besonders hinsichtlich Twitter. Derzeit tauchen Tools wie Bwuzz auf, die das Posten von Buzz in Twitter über das Schnittstellenprotokoll mit dem lustigen Namen pubsubhubbub ermöglichen. Massentaugliche Lösungen stehen allerdings noch aus. Google selbst macht aus den Buzz-Postings jedes Nutzers einen Feed. Dieser ist unter einer Adresse wie http://buzz.googleapis.com/feeds/stefan.muenz/public/posted erreichbar (in der URL einfach stefan.muenz durch den eigenen Google-Mail-Namen ersetzen). Ein solcher Feed lässt sich dann beispielsweise in FriendFeed einbinden, oder auch in Facebook (mit Hilfe einer der dort verfügbaren Feed-Apps).

Fazit: viele gute Gründe dafür und dagegen

Google Buzz ist durchgestartet wie eine Rakete. Wer nur eine Woche nach Eröffnung des Services teilzunehmen beginnt, wird bereits viele Millionen User vorfinden. Dank der guten Volltextsuche von Buzz ist es auch einfach, nach Usern zu suchen. Gibt man etwa from:Schmidt ins Suchfeld ein, erhält man alle Buzz-Postings von Usern, in deren Namen „Schmidt“ vorkommt. Ein anderer einfacher Weg, an interessante Buzz-Teilnehmer zu kommen, besteht dairn, in vorhandenen Buzz-Postings Namen z.B. von Kommentatoren anzuklicken. Auch die Möglichkeit, sich Listen anzeigen zu lassen, welchen anderen Usern ein User folgt, oder welche anderen User ihm folgen, eignet sich prima, um neue User zu finden. Im Gegensatz zu Social Networks wie Facebook sind keine zu bestätigenden Freundschaftsanfragen nötig. Denn es geht bei Buzz um reine Interessensvernetzung, nicht um persönliche Zugehörigkeitsgefühle. In dieser Hinsicht verhält sich Buzz wie Twitter.

Von Facebook hat Buzz die nützlichen Konzepte übernommen, wie etwa das Anhängen von Links und Mediendateien, die Kommentarmöglichkeit und damit die Charakteristik, dass die User mehr miteinander kommunizieren als in Twitter. Buzz ist wie von anderen Google-Services gewohnt schnell, kommt ohne Firlefanz aus (keine nervenden „Apps“ wie bei Facebook), und nach der hervorragenden Aufnahme unter den „early adaptors“ ist zu hoffen, dass sich Buzz ganz schnell als schneller Publishing-Service für zwischendurch etabliert.

Wer dagegen ohnehin Bedenken gegen Google hat, wird sich durch Buzz in seinen Befürchtungen nur bestätigt fühlen. Dazu beigetragen hat auch ein Fakt, der von vielen Anwendern als Verletzung ihrer Privatsphäre empfunden wurde. Google Buzz vernetzt einen nämlich automatisch von Anfang an mit allen anderen Usern, die man im Falle eines bestehenden Google-Mail-Zugangs in seinen Kontakten gespeichert hat. Dies in Verbindung mit den per Default öffentlich einsehbaren Listen, wer wem folgt, lässt vor allem bei Buzz-Neu-Usern Rückschlüsse darauf zu, welche Leute sie in ihren persönlichen, sonst eigentlich geschützten Kontakten haben. Google wird an diesem Punkt vermutlich nachbessern müssen, um nicht massenweise User zu vergraulen, die deswegen Bedenken haben.

Es ist auch wenig sinnvoll, gepflegte Twitter-Accounts mit Hunderten von Followern aufzugeben, um bei Google Buzz noch mal neu anzufangen. Beide Services gleichzeitig mit eigenständigem Inhalt zu bedienen kostet aber noch mehr Zeit, und Zeit ist bei den meisten Network-Aktiven ohnehin schon das knappste Gut. Letztlich sind integrative Lösungen der beste Weg. Lösungen, die jedem ermöglichen, in dem Netzwerk zu bleiben, wo er gerne ist, aber auch Vernetzungspartner in anderen Netzwerken mit seinen Inhalten zu erreichen.

Abschließend noch ein Link zu einem lesenswerten Blog-Artikel zum Thema Google Buzz:

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