HTML 5 und das Ende der HTML-Versionen

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HTML hat sich allen Totsagungen der Vergangenheit zum Trotz als Basissprache für Webseiten gehalten. Und nun redet alles von HTML 5, dem neuen HTML-Standard. Erstaunliche Dinge werden damit möglich, vom direkten, flash-losen Abspielen von Video- und Audio-Ressourcen im Browser bis hin zum clientseitigen Speichern von Daten. Weniger reflektiert wird darüber, dass „HTML 5“ ein Widerspruch in sich ist. Denn HTML 5 bedeutet auch das Ende aller HTML-Versionen.

Wie Heise berichtet, träumen die führenden Köpfe der WHATWG im Rausch der Zielgeraden von HTML 5 bereits von künftigen HTML-Erweiterungen. Von „HTML 6“, wie der Heise-Artikel in Anführungszeichen anmerkt. Es wird jedoch wahrscheinlich kein HTML 6 mehr geben. Nicht, weil HTML am Ende ist, sondern weil das Konzept der Versionierung von HTML am Ende angelangt ist.

Im neuen Minimal-Doctype von HTML 5 (<!DOCTYPE html>), der dem Browser gerade noch mitteilt, dass die nachfolgenden Zeilen ein HTML-Dokument darstellen, gibt es keine Angabe zur Version mehr. Auch das ursprünglich mal diskutierte version-Attribut im einleitenden <html>-Tag ist entfallen. Browsers will treat all versions of HTML as HTML 5, so die neue Direktive. Da es bei dem, worauf nun alles wartet, nämlich HTML 5, nicht bleiben wird, gilt aber auch: Browsers will also treat HTML 5 and everything beyond simply as HTML.

Damit trägt man einfach der Realität Rechnung, dass wohl kein je entwickelter HTML-Parser jemals irgendeine HTML-Version vollständig implementiert hat. Jeder HTML-Parser implementiert einen jeweils realisierbaren Entwicklungsstand von HTML, und HTML entwickelt sich unterdessen weiter. Lange hat man für diese Einsicht benötigt, und vor einigen Jahren wäre man mit solchen Gedanken vermutlich von Experten als dummer Dilettant abgekanzelt worden.

Das 100%-Ideal der Versionserfüllung ist also ausgeträumt. Gewonnen hat man damit jedoch das unverkrampfte parallele Weiterwachsen von Sprache und Implementierungen. Bei Implementierungen, die sich auf der Höhe der Zeit befinden, wird es allenfalls einige Unschärfen in den Randbereichen geben. Implementierungen, die einfach veraltet sind und nicht mehr weiterentwickelt werden, werden irgendwann eben einfach unbrauchbar.

Vor einigen Jahren wäre eine solche Praxis allerdings noch gar nicht möglich gewesen. Genauer, sie wäre von den Browser-Entwicklern als Freibrief für muntere Eigenentwicklungen missverstanden worden. Die Browserkriege der 90er Jahre mit ihrem wilden Feature-Wettrüsten jenseits aller Standards wären wieder ausgebrochen und hätten im Webentwicklungsbereich für heilloses Chaos und für schlimme ideologische Radikalisierungen gesorgt. Die neue Realität von HTML 5 alias nur-noch-HTML ist deshalb auch ein Sieg der geläuterten Vernunft. Die Kinder respektive die Browser und die Unternehmen, die sie entwickeln, haben gelernt, sich freiwillig an die Regeln der Standards zu halten. Auch ein strenges, wild regulierendes und paternalistisches W3-Konsortium wird angesichts dieser erwachsen entspannten Haltung aller Beteiligten allmählich überflüssig.

Als interessante, weiterführende Lektüre zu diesem Thema sei das Dokument Architectural Considerations for Language Versioning for the Web empfohlen. Bleibt nur noch zu hinzuzufügen, dass wir definitiv kein SELFHTML 9 brauchen, wohl aber SELFHTML ;-)

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