Noosphäre und Social Hyperspace

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Ein nicht ganz alltäglicher und nicht ganz leicht verdaulicher Titel für einen Blogbeitrag ist das, zugegeben. Aber es muss ja nicht immer Alltägliches sein. In diesem Artikel geht es um einen ursprünglich theologischen, später weltlich umgeformten Denkansatz und darum, wie die Art moderner Zeitgenossen, sich zu vernetzen, damit zusammenhängen könnte. Der Artikel erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Der Begriff der Noosphäre geht auf den französischen Theologen Pierre Teilhard de Chardin zurück. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchte Teilhard de Chardin, christliche und wissenschaftliche Weltanschauung zu verbinden. Sein besonderes Anliegen war, die Evolutionstheorie mit christlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Dazu entwickelte er eine teleologische Vorstellung von Christentum. Die von Darwin entwickelte Evolutionstheorie und die Abstammungslehre werden darin nicht mehr wie sonst in der christlichen Theologie üblich mehr oder weniger geleugnet oder auf abenteuerlich vertrackte Weise umgedeutet. Die Evolution, so der Ansatz von Teilhard de Chardin, habe eine lange Geschichte von Anfängen innerhalb der Geosphäre über die Herausbildung der heute bekannten Biosphäre hinter sich, und sie bewege sich aber weiter auf ein Ziel zu. Dieses Ziel, sei Christus, von Teilhard de Chardin auch als „Omega-Punkt“ bezeichnet. Der Weg dahin besteht grob gesagt in einer zunehmenden Vergeistigung der Menschen, und dazu gehört wiederum, dass Nichtstoffliches im Leben der Menschen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Diese Vergeistigung denkt Teilhard de Chardin aber nicht als die einsame, gedankliche Innenwelt, in die sich die Menschen jeder einzeln für sich zurückziehen, sondern vielmehr als einen neuen, gemeinschaftlichen Raum, in dem die Menschen nicht mehr räumlich oder durch materielle Einschränkungen voneinander getrennt sind. Die Noosphäre eben.

Teilhard de Chardin hatte es schwer mit seinen Gedanken. Der Telepolis-Artikel Gottes Geist in der Noosphäre beschreibt, wie die katholische Kirche und ihr geistiges Oberhaupt das Gedankengut von Teilhard de Chardin Mitte des 20. Jahrhunderts als besonders gefährlich einstuften, was schließlich sogar dazu führte, dass der Theologe aus seinem französischen Jesuiten-Orden verbannt wurde und nach China ging, in ein Land weit außerhalb des nicht-noosphärischen Einflussgebiets der Kirche.

Seine Gedanken verhallten jedoch nicht. Allerdings wurden sie aus dem christlichen Weltbild und der teleologischen Christusvorstellung herausgelöst. Sowohl von Naturwissenschaftlern als auch von Visionären des Cyberspace wurde die Vorstellung von einer zunehmenden Besiedlung und Bedeutung der Noosphäre aufgegriffen.

Der russische Geologe Wladimir Iwanowitsch Wernadski (Vernadsky) erblickte in der Noosphäre die zunehmende Fähigkeit der Menschheit, Erdmasse zu bewegen, also die Oberfläche des Planeten Erde zu gestalten und nutzbar zu machen. Dazu gehört auch die Fähigkeit zum Entwickeln neuer stofflicher Verbindungen, die in der Natur so nicht vorkommen, wie etwa Aluminium. Eine wachsende Beherrschung von Geosphäre (und Biosphäre) ist in diesem rein materialistischen Denkansatz die Aufgabe und Richtung der Noosphäre.

Dass sich, wie weiter oben erwähnter Telepolis-Artikel meint, auch die Esoterik-Szene die Vorstellung einer Noosphäre zu eigen machte, konnte Peter Steinberger als Trugschluss klarstellen. Er selber hatte wohl einen Zusammenhang zwischen Visionären des Digitalzeitalters und deren Adoption des Noosphäre-Begriffs als esoterisch bezeichnet. Mehr aber auch nicht.

Dass die Vorstellung einer Noosphäre von Internet-Vordenkern aufgegriffen wurde, ist indessen unbestritten. Einer dieser Vordenker war Marshall McLuhan, ein kanadischer Philosoph und Literaturwissenschaftler, auf den auch der Begriff globales Dorf (global village) zurück geht. Während McLuhan allerdings eher ein Vordenker im zeitlichen Sinne ist, ist Eric S. Raymond ein Netz-Theoretiker, der selbst zu den Fundamenten des heutigen Internets und seiner Software-Landschaft beigetragen hat. Seine Essays, von denen Die Kathedrale und der Basar das bekannteste ist, sind legendär. Ein anderes seiner Essays trägt den Titel Homesteading the Noosphere (Link führt zum Original). In beiden Publikationen beschäftigt sich Raymond mit der wachsenden Gemeinde der OpenSource-Entwickler, die sich durch den Einfluss des Internet zunehmend enger organisiert. Man kann von einer Sphäre reden, in der freie Software entsteht und sich organisiert. Diese Sphäre bezeichnet Raymond als Noosphäre. Das allerdings ohne jeden evolutiv-teleologischen oder gar religiösen Hintergrund. Raymond vergleicht die Noosphäre eher mit dem weiten Land des amerikanischen Kontinents, das nach und nach durch die weißen Siedler besetzt wurde. Dazu passt auch, dass sich Raymond schließlich eher als großmannsüchtiger Bush-Anhänger und Befürworter von Waffenrecht und Irak-Krieg outete.

OpenSource-Entwickler gehörten tatsächlich zu den ersten Internet-Usern, welche die kollaborativen Fähigkeiten des Netzes und der Vernetzung konsequent nutzten, viele Jahre vor Web 2.0 und Social Media. Sie organisierten sich über Mailinglisten oder einfache Mailverteiler, Usenet-Gruppen, später auch über Instant Messenger und Chats. Das sind aus heutiger Sicht schon fast archaische Werkzeuge, doch sie vermittelten denen, die sie konsequent nutzten, genau das Gleiche, was eine breitere Netzgemeinde heute dank attraktiver, web-basierter Social-Media-Werkzeugen erlebt: die freie Verlinkung von Menschen, von ihrem Tun, ihren Idealen, ihren Ängsten, ihren Vorlieben.

Durch die neueren Werkzeuge sind bereits Begriffe wie Folksonomy, Blogosphäre und Statusphäre entstanden. Ein zusammenfassender Oberbegriff fehlt jedoch noch. Es wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee, wenn sich der Ausdruck Noosphäre dafür etablieren würde. Der Begriff könnte beide Aspekte umfassen:

  1. Die neue, sich immer weiter ausbreitende Online-Mediensphäre, die es Menschen leichter macht, sich unabhängig von Wohnort, sozialer Schicht oder anderen äußerlichen Merkmalen gegenseitig zu verstehen, zu schätzen und Inhalte dieser Mediensphäre miteinander zu teilen. Eine Mediensphäre, die Verständigung durch Verlinkung fördert.
  2. Die neue, immer stärker um sich greifende Orientierung an nicht-egoistischen, an nicht am unmittelbaren persönlichen Profit orientierten Wirtschafts- und Tauschformen. Jene wirtschaftliche Einstellung also, aus der OpenSource-Projekte hervorgehen, aber auch Blogs, oder Engagements bei Wikipedia, durch Kommentieren, Beitragen von Fotos oder Videos.

Ob man dahinter eine historisch oder evolutionsgeschichtlich erklärbare Entwicklungsstufe sehen will, oder gar den Beginn eines neuen Zeitalters, das stärker von geistigen oder religiösen Wertvorstellungen geprägt ist, sind Deutungen, die über das hier entwickelte Verständnis von Noosphäre hinausgehen. Noosphäre ist nach diesem Verständnis die deutungsfreie, faktische Vernetzung der Menschen jenseits der „harten Physis“. Im Zeitalter des Buchdrucks nahm die Bedeutung dieser Sphäre bereits zu, und Geschwister im Geiste erkannten sich durch Bücher über Grenzen und Zeiten hinweg. Doch erst im Zeitalter der massenhaften elektromagnetischen Datenkommunikation verdichtet sich diese Sphäre zu einem Gemeinwesen. Wer anthropologisch weiterspekulieren möchte, kann ja beispielsweise vermuten, dass unsere heutigen Internetverbindungen irgendwann wegen weit verbreiteter telepathischer Fähigkeiten überflüssig werden. Um sich für solche Gedanken in Stimmung zu bringen, sind die Werke von Teilhard de Chardin sicherlich kein schlechter Anfang. Zumindest schützt solche Lektüre davor, die erhoffte Zukunft der Noosphäre mit allerlei esoterischem Getue krampfhaft herbeiführen zu wollen.

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