Web-Besinnungszeit

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Heute mal locker aus der Hüfte, ohne viel Konzept. Muss auch mal sein. Web-Besinnungszeit also. Ob man das nun eher im Sinne von kindlich-freudig empfundener Vorweihnachtszeit oder eher im Sinne von Katerstimmung nach einer heißen Party verstehen will, sei dahingestellt.

„Diese Sache mit Facebook, Twitter, Telefon, Bügeln, Sex und Kochen gleichzeitig … ich brauch da mal einen Workshop, glaub ich“, schreibt InsideX auf Twitter. Vielleicht kann er sich den aber auch sparen. Denn das Echtzeitweb hat sich irgendwie ein wenig leer gelaufen. Twitter und Facebook sind in der Mitte der netz-affinen Bevölkerung angekommen, und down under kann man sogar Twitter als Fach studieren. Google Wave, so schwant den ersten Testern, scheint die böse, alte E-Mail doch nicht ersetzen zu können. Die Erwartungen an die neue Killer-Applikation waren wahrscheinlich so hoch, dass eine Ernüchterung nicht ausblieb.

Die Glaskugel, in der sich die nächsten großen Dinger und die wesentlichen Web-Konzepte des kommenden Jahrzehnts drehen, scheint sich etwas langsamer zu drehen. Mag ja sein, dass vor allem viele jüngere Netz-User tendenziell keine Probleme damit haben, für Arbeit- oder Auftraggeber zu programmieren und gleichzeitig im Minutentakt zu twittern, Blogeinträge zu kommentieren und die Bilder der Party vom letzter Nacht auf Flickr hochzuladen. Doch Gleichzeitigkeit ist nicht alles, das scheint wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Und Hype ist nicht alles. Es scheint wieder möglich zu sein, auch ohne Twitter-Account noch ernst genommen zu werden.

Scheinbare Entspannung auch an der netzpolitischen Front. Die Netzsperren der Zensursula sind — zumindest vorläufig — auf Eis gelegt, was zweifellos ein Erfolg der Netzgemeinde ist, auch wenn sechs von sieben Gesinnungspiraten in der Wahlkabine doch nicht genügend Mumm aufbrachten und lieber FDP wählten. Für die Piraten ist es wohl auch besser, außerparlamentarisch zu bleiben, denn wer sich ernsthaft mit Liquid Democracy beschäftigt, gehört aus Sicht des Systems zur APO. Nur dass sich das heute niemand mehr so zu nennen traut. Während die Piraten die Ruhepause nutzen, um schon mal eine einfache Interpunktionszeichen-Syntax für Liquid Democracy zu entwickeln, übt sich Isi in wortstarker Piraten-Opposition.

Wenn die Glaskugel nicht täuscht, handelt es sich bei der gegenwärtigen netzpolitischen Ruhe jedoch nur um eine Atempause. Die auch dringend erforderlich ist, denn die Mobilmachung der alten Mächte in Politik und Wirtschaft gegen die Auswirkungen des Netzes geht unvermindert weiter. Die großen Übernahmeversuche, etwa durch Kappen der Netzneutralität oder durch Einführung netzglobaler Überwachungsmechanismen, stehen erst noch bevor. Dabei wird sich wahrscheinlich erst einmal zeigen, dass das Netz leichter verletztlich ist als bislang vermutet. Wenn nämlich Unternehmen wie Cisco, die einen wesentlichen Anteil an der Welt-Netztopologie haben, erst einmal in die Knie gehen, weil sie letztlich den Gesetzen der alten Welt gehorchen, dann wird es eng. Gut, in solchen Zeiten auf mächtige Verbündete der neuen Welt zählen zu können, also auf Google, statt immer noch den alten Google-Weltherrschaftsverschwörungstheorien anzuhängen. Wer sonst könnte schließlich bewirken, dass sich ein Rupert Murdoch zum albernen Papiertiger macht. Alles weitere erklärt Kristian Köhntopp.

Google selbst wirkt ebenfalls entspannt. Auch wenn sich Windows 7 besser verkauft als Harry Potter, schwindet die Bedeutung des Desktops weiter. Und jedes Betriebssystem, das mehr einfaches Internet bei weniger Eigen-Ressourcen bietet, weist letztlich in die Richtung, in der Google schon wartet.

Nach dem Niedergang der Desktop-Computerkultur wird übrigens die Kultur des eigenen Root-Servers dran sein. Denn kaum jemand wird noch physische Rechner mit all ihren Grenzen wollen, wenn man Rechen- und Speicherleistung auch in Form beliebig skalierbarer, virtueller Kapazität bekommen kann. Mit dem Cloud-Sourcing ist es allerdings wie mit Twitter: es ist nicht die Antwort auf alle Probleme.

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