FriendFeed und sein Identitätsproblem

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Viele, die im modernen Web zu Hause sind, tragen mehrgleisig Inhalte bei. Sie bloggen, twittern, networken, sharen Fotos über Flickr, bookmarken bei Delicious, empfehlen Artikel über Google Reader. Dadurch entsteht eine Streuung, die einerseits zwar eine starke Online-Präsenz demonstriert, andererseits aber auch eine Fragmentierung der eigenen Inhalte bewirkt. FriendFeed ist ein Service, in dem man all seine anderen Aktivitäten wieder zusammenführen kann. Doch was bedeutet das? Einfach eine Datenhalde, oder ein All-in-one-Service, der die anderen Services eigentlich überflüssig macht?

Die Idee zu diesem Artikel hat Claudia Klinger geliefert. In ihrem Artikel Den Überblick behalten, Loops vermeiden: der Social-Media-Graph hat sie eine Mindmap ihrer Online-Aktivitäten erstellt. Die Grafik ist im Originalartikel verweis-sensitiv. Hier geben wir sie einfach nur wieder, um die Bedeutung von FriendFeed zu zeigen:

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Claudia Klingers Social-Media-Graph

FriendFeed selber tut viel dazu, um diese typische Nutzung zu fördern. So weist der Service eine beeindruckende Anzahl von Schnittstellen zu anderen Web-Services auf. Zum Zeitpunkt dieses Artikels waren es 58.

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Liste der Webservice-Schnittstellen von FriendFeed

FriendFeed kann Daten, die der Nutzer bei diesen Services veröffentlicht hat, auslesen, egal ob Blogartikel, Tweets, Statusmeldungen, Links, Bilder oder Videos. All diese Daten aggregiert der Service in einem einzigen Nachrichtenstrom. Aus diesem Nachrichtenstrom generiert FriendFeed innerhalb der eigenen Weboberfläche eine twitter-ähnliche Darstellung. Außerdem stellt es den Nachrichtenstrom als Feed zur Verfügung.

Das Problem von FriendFeed besteht darin, dass es zwar gerne zum Aggregieren verschiedener eigener Online-Präsenzen genutzt wird. Dagegen bleiben die FriendFeed-internen Möglichkeiten des Microbloggings weitgehend ungenutzt. Was eigentlich bedauerlich ist, denn verglichen mit dem spartanischen Twitter bietet der Web-Client von FriendFeed richtig viel:

  • Das Following funktioniert wie bei Twitter. Man abonniert andere Teilnehmer, die einen interessieren, und kann von ihnen abonniert werden. Zusätzlich besteht jedoch die Möglichkeit, nicht die Postings von Teilnehmern zu abonnieren, sondern nur deren Kommentare zu anderen Postings oder ihre Find-ich-gut-Bekundungen.
  • Postings lassen sich kommentieren oder mit einer Find-ich-gut-Bekundung versehen, ähnlich wie bei Facebook. Kommentare und Bekundungen stehen unterhalb des Postings, zu dem sie gehören.
  • Die Grundeinstellung, ob man seine Postings öffentlich machen oder nur den eigenen Abonennten zugänglich machen möchte, unterscheidet sich nicht von Twitter.
  • Die berühmte Twitter-Zeichenbeschränkung auf 140 Zeichen entfällt komplett (Anmkerkung: bei direkten Postings existiert offenbar doch eine Zeichenbegrenzung — siehe Kommentare zu diesem Artikel). Auch in FriendFeed schreibt niemand Romane. Doch die fehlende Begrenzung hat erfreuliche Nebeneffekte, etwa bessere Lesbarkeit, weniger Insider-Abkürzungen und keine zwingende Notwendigkeit, Kurz-URL-Services zu nutzen. Lange URLs werden einfach im Text nur teilweise und beim Überfahren mit der Maus als Tooltipp vollständig angezeigt.
  • An jedes Postings lassen sich Fotos anhängen, die im Posting erscheinen.
  • Außerdem lassen sich Dateien als Attachments an Postings anhängen. Unterstützt werden Grafiken mit den Endungen jpg, gif, png, jpeg, bmp, tif und tiff, Audio-Dateien mit den Endungen mp3, m3u, m4a, ogg, aac, ra, wav, wma, ac3, aif, aiff, mid, midi und swa, Office-Dateien mit den Endungen doc, dot, docx, dotx, ppt, pptx, potx, ppsx, xls, xlsx, xltx und pps, Quelltextdateien mit den Endungen py, c, cc, cxx, cpp, java, rb, cs, vb, as, pl, html, css und js sowie diverse Formate mit den Endungen pdf, txt, csv, psd, ai, rtf, swf, ps, eps, vcf, kml und 3gp.
  • Bei Links zu Medien wie YouTube-Videos werden diese als Thumbnail eingebettet und bei Anklicken inline abgespielt.
  • Es ist möglich, gezielt in Feeds anderer Teilnehmer zu posten (so, wie man in Facebook an die Pinnwand anderer Teilnehmer posten kann). Dadurch erreichen die eigenen Postings auch die Abonnenten der anderen Teilnehmer.
  • Beliebige Postings lassen sich sowohl innerhalb von FriendFeed als auch über Schnittstellen und Accounts in anderen Services wie Twitter oder Facebook mit anderen teilen — also die Retweet-Funktionalität von Twitter, jedoch service-übergreifend.
  • Postings lassen sich einzeln gezielt ausblenden, um den Nachrichtenstrom auf solche Postings zu reduzieren, die einen tatsächlich interessieren.
  • FriendFeed erkennt Cross-Postings in verschiedenen Services, auch dann, wenn diese im Inhalt teilweise voneinander abweichen. Die ähnlichen Postings lassen sich unterhalb eines Postings auf Wunsch anzeigen.
  • Es gibt Gruppen für bestimmte Themen. Gruppen haben eigene Feeds, genau wie Teilnehmer. Alles, was Gruppenteilnehmer in die Gruppe posten, erscheint im Gruppenfeed. Gruppen kann man genauso abonnieren wie andere Teilnehmer. Jeder Teilnehmer kann eigene Gruppen zu gewünschten Themen gründen, oder um mehrere Identitäten zu pflegen (z.B. beruflich und privat). Auch Gruppenfeeds können wahlweise öffentlich oder nur den Gruppenteilnehmern zugänglich gemacht werden. Die Funktionalität privater Gruppen eignet sich beispielsweise auch für Arbeitsgruppen.
  • Die Benutzeroberfläche von FriendFeed steht wahlweise in Englisch, Deutsch, Spanisch, Persisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Russisch, Türkisch oder Chinesisch zur Verfügung. Weitere Sprachen sind in Arbeit.
  • Alle Inhalte von FriendFeed sind wie bei Twitter per Volltext duchsuchbar. Suchen lassen sich speichern, um sie jederzeit wiederzuverwenden. Eine gezielte Syntax erlaubt das Suchen z.B. nach Beiträgen eines bestimmten Teilnehmers, nur in bestimmten Feldern, oder Beiträge, die über einen bestimmten anderen Service gepostet wurden, z.B. nur Flickr-Fotos Google-Reader-Empfehlungen.
  • Der Web-Client von FriendFeed reagiert im Gegensatz zum Original-Client von Twitter in Echtzeit. Sehr spannend ist das, wenn man eine Suche nach einem viel diskutierten Thema anzeigt, etwa eine Suche nach FriendFeed
  • Das Erscheinungsbild des FriendFeed-Clients ist für angemeldete Teilnehmer mittlerweile beeinflussbar. Wie bei Twitter lässt sich z.B. ein Hintergrundbild einbinden, um Individualität zu vermitteln.
  • Genau wie Twitter verfügt FriendFeed über eine Programmierschnittstelle (API), die es ermöglicht, eigene Clients oder Anwendungen für FriendFeed zu entwickeln. Beliebte Drittanbieter-Produkte wie etwa Twhirl unterstützen FriendFeed ebenso wie Twitter. IPhone-Benutzer werden auf eine speziell angepasste Oberfläche geleitet. Die Anzahl verfügbarer Clients ist insgesamt nicht so groß wie bei Twitter, doch wegen der geringeren Anziehungskraft gibt es auch weniger qualitativ minderwertige Clients.

Aus technischer Sicht ist FriendFeed also Twitter in vielerlei Hinsicht überlegen. Doch die „Szene“ trifft sich halt bei Twitter. Man „twittert“ so wie man „googelt“, womit eigentlich schon alles gesagt ist. Da immerhin viele Benutzer FriendFeed so wie Claudia Klinger als Sammelbecken für ihre Beiträge nutzen, kann man als FriendFeed-Leser auf viele interessante Feeds zurückgreifen. Es bleibt jedoch das Gefühl, sich in einer Geisterstadt zu befinden. 80% und mehr des gesamten Nachrichtenaufkommens in FriendFeed stammt aus Twitter. Würden alle Twitter-Benutzer automatisch zu FriendFeed-Benutzern, könnte man FriendFeed immerhin als vollständigen und überlegenen Twitter-Client nutzen. Doch selbst unter stark netz-affinen Benutzern betreibt allenfalls ein gefühltes Viertel auch ein FriendFeed-Konto und füttert es mit den Tweets aus Twitter.

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Was mit Twitter nicht funktioniert, könnte allerdings irgendwann mit Facebook funktionieren. Denn FriendFeed wurde im August 2009 von Facebook gekauft — manche behaupten, „gefressen“. Von einer Vereinnahmung kann jedoch bislang keine Rede sein. FriendFeed tritt weiterhin als unabhängiger Service in Erscheinung und es gibt bislang keine Versuche, FriendFeed-Benutzer auf subtile Weise in Facebook zu drängen. Facebook dürfte FriendFeed auch kaum erworben haben, um einen lästigen Konkurrenten loszuwerden. Eher, um sich fehlende Technologie einzukaufen, viellleicht auch nur wegen der Mitarbeiter. Es geht die Vermutung um, dass die neuere LiveFeed-Funktion in Facebook auf FriendFeed zurück geht. Für die 45 Millionen US-Dollar, die Facebook für FriendFeed ausgegeben hat, wäre das allerdings eine recht teuere Feature-Implementierung.

Für FriendFeed-Fans bleibt jedenfalls die Ungewissheit, wie es mit dem Power-Service weitergehen soll. Ungemach droht einigen Kommentatoren zufolge auch von Posterous. Der neue Star am Web-2.0-Himmel (siehe Posterous: Mail-Bloggen und Networken) hat ganz ähnliche Konzepte wie FriendFeed. Optisch eher als klassisches Blog ausgelegt denn als Microblog, verfügt es ebenfalls über zahlreiche Schnittstellen zu anderen Services, übernimmt von FriendFeed viele andere Konzepte und fällt duch sehr gute Sichtbarkeit bei Google auf.

Das alles trägt also zum Identitätsproblem von FriendFeed bei. Ein Problem, das FriendFeed wirklich nicht verdient hat. Ich habe jedenfalls beschlossen, FriendFeed etwas stärker als bisher zu beackern. Vielleicht finden sich ja ein paar „Follower“ in dem Sinne, dass auch andere mal verstärkt primär auf FriendFeed posten.

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