Rette deine Freiheit: der Filmemacher Alexander Lehmann

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Alexander Lehmann ist der Produzent der Filme DuBistTerrorist und RetteDeineFreiheit. Beide Filme haben den Nerv der Netzbewegung gegen Internet-Reglementierung und für Bürgerrechte getroffen und wurden tausendfach verlinkt. Grund genug, auch mal den Macher hinter den Filmen zu sehen, seine Gedanken, seine Motivationen, und was er sich von Filmen im Internet verspricht. Webkompetenz hat Alexander Lehmann ein paar Fragen gestellt.

Websites und Filme von Alexander Lehmann

Zuvor aber noch die Links zu den Stellen, an denen man sich über das Schaffen von Alexander Lehmann informieren kann, und ein paar seiner Filme:

Fragen an Alexander Lehmann

Webkompetenz: Auf deiner Homepage stellst du dich vor mit dem Satz: "I am a design student currently focussing on the creation of films with the help of cameras, pixels and polygons". Diese Stilmittel setzt du in den beiden bekanntgewordenen Filmen DuBistTerrorist und RetteDeineFreiheit auf eine sehr charakteristische Weise ein, die viele Leute anspricht. Kannst du kurz beschreiben, wie so ein Film bei dir entsteht? Also wie du die Ideen entwickelst, welche Mittel du einsetzt, welche Art von Software du verwendest usw.?

Alexander Lehmann:

Zumeist fängt alles mit einer kleinen Idee an die ich aufschreibe. Idealerweise hat man dann ein paar freie Monate noch ein wenig über sie nachzudenken und nachzubessern.
Anschließend mache ich Skizzen zu den einzelnen Szenen. So eine Art Storyboard eben.
Bei "Du bist Terrorist" hatte ich anschließend direkt die Sprachaufnahme, auf dessen Basis ich dann angefangen habe die Animationen zu machen. Für die 3D-Animationen benutze ich 3dsmax und Maya.
Wenn dann das Timing und die Animationen ausgearbeitet sind wird gerendert — also die 3D-Szenen in die zweidimensionalen Bilder umgewandelt. Dies kann je nach Menge der Computer und Komplexität der Bilder zwischen 2 Tagen und 2 Jahren dauern.

Die Bilder werden dann mit einem Compositing-Programm zusammengefügt und noch ein wenig verbessert — Bewegungsunschärfe, Farbkorrekturen etc. Hierfür verwende ich Combustion und Nuke.

Dann werden die einzelnen 3D-Szenen zusammengeschnitten, die Audiospur hinzugefügt und zu einer großen Datei komprimiert und veröffentlicht.

Webkompetenz: Die bewegten Illustrationen, aus denen der visuelle Part der beiden erwähnten Filme besteht, haben nebenbei den Vorteil, die Produktionskosten niedrig zu halten. Doch nicht jeder Film kann oder will sich auf diese Stilmittel beschränken. Filme können dann aber schnell teuer werden. Und das gilt nicht nur für Hollywood-Spielfilme, sondern bereits für jeden ordentlich recherchierten Dokumentarfilm. Glaubst du, dass sich im Rahmen von OpenContent auch Filme produzieren lassen, die mehr als ein Taschengeld und eine Menge freiwillig aufgewendete Zeit kosten? Und kennst du vielleicht Beispiele?

Alexander Lehmann:

In diesem Fall hat der minimalistische Stil nicht nur den Vorteil, dass er wenig kostet und wenig Zeit in Anspruch nimmt. Er sorgt auch dafür, dass der Zuschauer nicht mit Informationen überflutet wird. Wären die Bilder reicher und detaillierter, könnte man sich gar nicht mehr auf den Sprecher konzentrieren.

Produzieren lassen sie sich auf jeden Fall, die Frage ist, ob sie sich finanziell lohnen.

Ein wirklich erfolgreiches teures Beispiel fällt mir nicht ein.
Vielleicht kann man an dieser Stelle "Big Buck Bunny" und "Elephants Dream" nennen. Allerdings weiß ich nicht, ob mit diesen Filmen irgendein Gewinn gemacht wurde. Diese wurden aus der Freizeit der vielen Mitmacher "finanziert", denke ich.

Als ein "Ein-Mann-Projekt" kann man vielleicht noch http://www.killerbeanforever.com/ anführen. Ob sich dieser Film für den Macher lohnen wird, bleibt abzuwarten.

Prinzipiell glaube ich, dass es möglich ist, relativ große Entwicklungskosten wieder zu decken. Man benötigt mit Sicherheit aber eine große Portion Glück und einen wirklich guten Film und kann sich vielleicht (noch) nicht ausschließlich auf das Internet verlassen.

Webkompetenz: Als internet-affiner Filmschaffender kennst du vermutlich die verhärteten Fronten zwischen der Verwertungsindustrie und den Internet-Endkonsumenten. Letztere kaufen sich im Kino anstandslos Karten auch für Filme, die sie noch nicht kennen. Doch im Netz sind sie nicht bereit für etwas zu zahlen, das sie nicht zuerst konsumieren können. Das liegt aber nicht an den bösen Konsumenten, sondern daran, dass das Netz seinen Erfolg der Kultur der freien Zugänglichkeit von Inhalten verdankt. Die Verwertungsindustrie will dieser Kultur an den Kragen, je einflussreicher diese wird. Wie positionierst du dich in dieser Auseinandersetzung?

Alexander Lehmann:

Ich kann nur von mir persönlich sprechen.
Ich würde niemals eine DRM-geschützte Datei kaufen. Ganz einfach weil ich mir nicht vorschreiben lassen möchte, wem und wie oft ich jemanden mein Produkt leihen möchte und wie oft ich es für mich selbst kopiere und wo ich es abspielen möchte — oder gar wie lange ich es noch benutzen möchte. Das gilt für Filme, Musik und Bücher.

Auch bevorzuge ich immer noch etwas materiell zu besitzen. Ich habe noch nie digital Musik gekauft. Obwohl ich bei Amazon einmal kurz davor war — aber da kam die Meldung, ich sei im falschen Land und dürfe den Shop nicht benutzen. Also bestelle ich mir ganz klassisch die CD, mit Hülle und Cover und dann rippe ich sie. Dann kann auch niemand bei Amazon den "delete" Button drücken — wie es ja zuletzt mit ihrem "Kindle" passiert ist.

Insgesamt denke ich, dass gerade die Musikindustrie relativ überflüssig ist: eine Band kann ihre Musik sehr leicht im Internet verkaufen. Das sieht man ja sehr gut an dem Netlabel szene oder an Itunes.

Bei Filmen, die auch im Kino laufen sollen, ist die Lage wieder etwas anderes. Filme kosten in der Produktion natürlich auch viel mehr Geld und ihre Produktion ist unendlich komplexer als die von Musik.

Außerdem denke ich, dass diese Industrien es immer wieder versäumen mit der Zeit zu gehen. Statt sich zu öffnen und offensiv die neuen Märkte zu erobern, zerklagen und zerstören sie lieber die Existenz von einzelnen Konsumenten, um andere abzuschrecken.

Nach Napster hätte man sofort ein besseres und legales Tauschnetzwerk releasen können — mit fairen Preisen, ohne DRM — hätte man einfach die Kundenwünsche analysiert.
"The Piratebay" könnte heute "The Sonybay" heißen und Millionen von Musiktiteln und Filmen verkaufen — wenn sich die Industrien nicht so aufs Verklagen von ihren eigenen Kunden spezialisiert hätten.

Qualität und Service wird (auch im Internet) immer noch belohnt. Denn da sind die gleichen Leute, die auch offline Qualität und Service erwarten. Der Itunes Store ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auch online verkaufen kann — und sie haben soweit ich weiß "DRM" auch wieder aus ihrem Programm gestrichen.

Webkompetenz: Verstehst du dich als Macher von Filmen fürs Internet, oder ist das Internet für dich einfach ein Medium unter anderen? Und was bringt dir das Publizieren deiner Filme im Netz? Mehr Erfolg? Mehr Feedback? Den Reiz der Verschmelzung von Film und Hypertext? Oder die Möglichkeit, dass Filme im Rahmen entsprechender Copyleft-Lizenzen von anderen Usern weiterentwickelt werden?

Alexander Lehmann:

Das Internet ist derzeit für mich das beste Medium um eine größtmögliche Menge an Menschen einfach, schnell und günstig zu erreichen.

Als Resultat bekomme ich natürlich Feedback und Aufmerksamtkeit. Das macht natürlich mehr Spaß als wenn man seine Filme für sich behält und einfach in den Schrank stellt.
Im Falle von "Du bist Terrorist" und "Rette Deine Freiheit", die ja aufklärerische Kurzfilme sind, besteht der Sinn der Filme ja darin, sie Menschen zu zeigen.
Dabei spielt Hypertext natürlich auch eine große Rolle, weil man Informationen verlinken und belegen kann.
Man bekommt Feedback und Hilfe von anderen Usern und wird mit Hilfe der Kritik immer besser.
Außerdem macht es Spaß sich zurückzulehnen und dabei zuzusehen wie sich der Film im Netz langsam verbreitet, Diskussionen anzettelt und Leute zum Nachdenken anregt.
Wenn man seinen Film ins Netz stellt, verliert man komplett die Kontrolle, was ein sehr schöner Kontrast zu der Arbeit davor darstellt.

Dass andere meine Filme weiterentwickeln oder remixen könnten, interessiert mich nicht so sehr. Ich bin ein Fan von "Von-Null-Anfangen", und dementsprechend basieren meine Filme niemals auf anderen Arbeiten (ausgenommen Musik). Vielleicht liegt das auch daran, dass ich noch niemals einen "Remix" oder Ähnliches gesehen habe, der mich wirklich beeindruckt hat. Ich lasse mich aber sehr gerne eines besseren belehren.
Die Vorteile von CC-Lizenzen sehe ich darin, dass Podcasts oder sogar Fernsehsendungen Netz-Content ohne Probleme zitieren und verwenden dürfen. Elektrischer Reporter fällt mir dazu gerade ein.
Aber auf Anfrage gebe ich ohnehin fast jedem die Erlaubnis meine Werke zu verwenden.

Webkompetenz: Glaubst du, dass es für Filme im Netz bestimmte Regeln gibt? Zum Besipiel bei der Kameraführung, wenn die meisten Endbenutzer den Film letztlich in einem 640 mal 360 Pixel großen Viewport bei YouTube sehen werden? Oder dass Anwender am Computer sich keine abendfüllenden Filme ansehen, selbst wenn sie die nötige Breitbandverbindung und Flatrate haben? Wird das Internet auch eigene Film-Genres und Regie-Formen hervorbringen?

Alexander Lehmann:

Regeln sind da um gebrochen zu werden und ich denke es geht fast alles.
Vielleicht muss man seinen Film nach bestimmten Mustern bauen, damit er mehr Leute erreicht. Ich schätze nach 5 Minuten verliert man auf YouTube viele seiner Viewer. Und wenn man den Film auch auf Handys anbieten will, müssen die Bilder relativ simpel und gut zu überblicken sein. Man braucht mehr Closeups und größere Schrift. Ansonsten würde ich aber sagen, dass im Internet "anything goes" gilt. Wenn der Film über eine Stunde geht, werden sich ihn die Leute runterladen und dann vielleicht später irgendwann mal ansehen — und nicht mal eben zwischendurch konsumieren.

Ich würde sagen, das Internet und die anderen Medien haben schon lange neue Regieformen hervorgebracht. Als treffendes Beispiel fällt mir hierbei zum Beispiel "District 9" von Neill Blomkamp ein. Das ist eine Art "Mockumentary", die aus allen möglichen verschiedenen Schnipseln (Überwachungskamera, Helmkamera und die klassische Filmkamera) besteht. Oder "Cloverfield", der nur mit einer Handkamera gefilmt wurde — aber mehrere Millionen Dollar gekostet hat.
Auch die vielen verwackelten Handy- und Urlaubsfilme haben mit ihrer Ästhetik eine neue Form der Werbung hervorgebracht, hierfür fallen mit die Toyota-Werbungen ein (Meteor Proof, Loch ness z.B.).

Jedes neue Medium wird wieder neue Genres und Ideen hervorbringen.

Danke an Alexander für seine interessanten Statements!

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