Die Genetic Digitals

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Das Informationszeitalter hat in den letzten Monaten eine auffällige Dynamik entwickelt. Die Netzbürger entwickeln sich gerade innerhalb sehr kurzer Zeit als neue, eigene, gesellschaftliche Kraft. In Deutschland handelt es sich derzeit um eine Schar, deren Zahl mittlerweile irgendwo zwischen den Einwohnerzahlen von Mannheim und Frankfurt vermutet werden darf. Das Netz hat sie bereits fest im Griff, wie aktuell etwa am grotesken Wahlbarometer bei Xing zu sehen. Und die große Politik beginnt verwundert aber noch gefasst, ihre Ansichten zumindest ernst zu nehmen, wie etwa am Einlenken von SPD-Frau Ute Vogt in Sachen Internetsperren zu beobachten.

Im Zuge einer solchen Dynamik wird immer auch viel reflektiert, vor allem natürlich im Netz selber, wo sich das Epizentrum der Entwicklung befindet. Ein wichtiger Gegenstand der Reflexionen sind die unterschiedlichen Generationen und ihre Beziehung zur immer stärker dominierenden digitalen Umwelt. Dabei haben sich in den letzten Wochen und Monaten diverse Ausdrücke herausgebildet, die helfen sollen, den Generationen-Aspekt des sich vollziehenden Wandels zu „greifen“. Natürlich kann man diese Grenzen niemals strikt ziehen. Es gibt viele netz-affine Senioren und jugendliche Offliner. Bei solchen Unterscheidungen geht es immer nur um Bereiche, die mehr oder weniger umfangreiche Schnittmengen haben.

Ausdruck Alternativ-Ausdrücke Bedeutung
Internetausdrucker alte Männer mit Kugelschreibern Menschen, in deren Kindheit es noch keine Computer oder computer-ähnliche Geräte in Privathaushalten gab, und die auch im Erwachsenenalter keine tieferen Erfahrungen mit dem Potential von Computern gemacht haben. Vor allem viele Vertreter der heutigen Macht-Elite der über 50jährigen.
Digital immigrants Menschen, in deren Kindheit es noch keine Computer oder computer-ähnliche Geräte in Privathaushalten gab, und die mit Computern erst im Erwachsenenalter in Berührung kamen, sich dann aber intensiv damit befassten und aktuell in der Lage sind mitzureden. Mehr oder weniger viele der heute 30 bis 50jährigen.
Digital natives C64-Generation, Generation Upload Menschen, in deren Kindheit Computer und vergleichbare Geräte wie Spielkonsolen bereits weit verbreitet waren. Das trifft also auf Menschen zu, die grob gesagt in den 80er Jahren und später geboren sind.
Genetic Digitals Menschen, in deren Kindheit Computer und vergleichbare Geräte in den meisten Haushalten gleich mehrfach vorhanden sind, deren Eltern bereits stark computer-affin sind, und die häufig schon bis zu einem gewissen Grad mit Computern umgehen können, bevor sie lesen und schreiben lernen. Kinder, die nach 2000 oder gar nach 2005 geboren wurden.

Die letzte Zeile dieser Tabelle dürfte den meisten Lesern noch unbekannt sein. Den Ausdruck hat der Schriftsteller Burkhard Spinnen ins Spiel gebracht, und zwar In einem Deutschlandradio-Kultur-Interview mit dem Titel Die Göttin des globalen Kapitalismus. Ein Begriff für die nach 2000 Geborenen erscheint tatsächlich notwendig, wie wir bereits im Beitrag Von Kindern, digitaler Umwelt und Generationen angedeutet haben. Ob der Ausdruck „Genetic Digitals“ allerdings geeignet ist, muss sich noch herausstellen. Der Ausdruck geht nämlich auf das Begriffs-Repertoire des Computerspiels Creatures zurück, wo es um „digitale Genetik“ geht. Als Steigerungsform zu „Digital Natives“ taugt der Ausdruck immerhin.

Die im Titel dieses Beitrags angesprochene Problematik der Genetic Digitals besteht Burkhard Spinnen zufolge darin, dass sie das „Lesen ganzer Bücher“ gar nicht mehr lernen. An die Stelle des Eintauchens in ein Werk und die intensive Auseinandersetzung damit tritt von ein hektisches Orientieren in digitalen Welten, die das Kind beherrschen will. Dadurch, so Spinnen, gehen wichtige intellektuelle und kulturelle Fähigkeiten verloren.

Bei genauem Hinhören klingt darin aber viel bildungsbürgerlich-konservatives Wehgeschrei durch. Ja, es gibt sie, die Digital Genetics, sie lernen andere Fähigkeiten, und sie brauchen andere Fähigkeiten. Aber was lässt den Autor so sicher sein, dass durch die Tatsache, dass die digitale Umwelt andere Orientierungsstrategien erfordert als Papas Bücherschrank, die Fähigkeit zum Vertiefen in spezifische Inhalte verloren geht? Die zunehmende Dominanz der digitalen Umwelt ist kein Argument gegen die Fähigkeit zur Konzentration. Für die Orientierung in der digitalen Umwelt sind einfach nur neue, zusätzliche Fähigkeiten erforderlich, die bei Kindern ebenso trainiert werden müssen wie die Fähigkeit zur Konzentration.

Die Genetic-Digitals-Problematik, die Burkhard Spinnen erblickt, kann ich deshalb nicht nachvollziehen. Stattdessen sehe ich eine andere Problematik für diese Generation. Ein Großteil des heutigen Ausbildungspersonals, insbesondere an den Schulen, aber auch zahlreiche Eltern, können den Kindern der Digital-Genetics-Generation, die jetzt und in den nächsten Jahren schulreif werden, noch gar keine adäquaten Fähigkeiten vermitteln. Mit der heute noch immer sehr weit verbreiteten pädagogischen Herangehensweise an Computer und Internet, die vor allem von Warnungen, Verboten und unsinnigen Beschränkungen geprägt ist, werden die Kinder letztlich allein gelassen und müssen sich ohne sinnvolle Anleitung oder heimlich in der digitalen Umwelt ihren Weg bahnen. Auch das wird wohl den meisten irgendwie gelingen, denn dank der digitalen Vernetzung können sie ja viel leichter voneinander lernen. Die heute Erziehungsverantwortlichen manövrieren sich jedoch in ein gefährliches Abseits, wenn sie Kindern die digitale Umwelt vorenthalten, zu stark einschränken oder sich selber überhaupt nicht darauf einlassen.

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