Browser-Geschwindigkeitsrausch schadet Microsoft

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Rechtzeitig zur ersten offiziellen Beta-Version von Google Chrome 3 hat Daniel Niklaus einen interessanten Gedankengang veröffentlicht. Der Titel seines Beitrags lautet „Warum Chrome ein Riesenerfolg für Google ist“. Doch der Beitrag dreht sich nicht um Browser-Marktanteile, sondern darum, dass Chrome ein Wettrennen ausgelöst hat, das den Zukunftsmarkt „Cloud Computing“ erst interessant macht — und weil Google ein Major-Player im Cloud-Computing-Markt ist, ist die Rechnung mit Chrome voll aufgegangen.

Seit Herbst 2008, also seit der Chrome-Browser die Bühne betreten hat, häufen sich in Fachzeitschriften und Online-Magazinen auffällig Tests, in denen es um pure Raserei geht: um Browser-Geschwindigkeit nämlich. Davor wurden Browser eigentlich meist nur nach Funktionsumfang verglichen, oder danach, welche HTML- und CSS-Elemente sie kennen. Chrome hat zwar bislang nur wenige Alltags-User für sich gewinnen können. Doch eines müssen alle zugeben, die ihn jemals ausprobiert haben: er ist einfach rasend schnell und scheint in seinen aktuellen Entwicklerversionen trotz wachsenden Funktionsumfangs immer schneller zu werden. Allerdings muss man hinzufügen, dass die aktuellen Browser sich nicht mehr viel schenken, was die Ladegeschwindigkeit von Webseiten und die Verarbeitung clientseitiger Scripts betrifft. Denn egal ob Firefox 3.5, Safari 4, Opera 10 oder Internet Explorer 8: sie alle haben stark in Performance investiert. Je nach Test liegt mal der eine, mal der andere knapp vorn — in der Regel machen die Webkit-Browser Safari und Chrome allerdings das Rennen.

Einige Browser-Geschwindigkeits-Testvergleiche der letzten Monate:

Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Jahrelang hat man bei Browsern ähnlich wie bei sonstigen Software-Produkten nur Features implementiert, Megabyte um Megabyte an Code und Ressourcen hinzugefügt und ansonsten darauf vertraut, dass ja die PC-Hardware-Industrie permanent Performance-Steigerungen und Speichererhöhungen bei Prozessoren, RAM und Festplatten zustande brachte. Dieses ganze Denken stammt jedoch aus der Microsoft-IBM-Computer-Zeit, also aus den 80er Jahren. PC-Hard- und -Software waren eng gekoppelt. Neue Software erforderte bessere Hardware, und neue Hardware ermöglichte bessere Software. Ein bestens funktionierender industrieller Komplott zwischen dem Software-Monopolisten und der Hardware-Industrie.

Eine echte Bedrohung für diese alte Desktop-Computer-Herrlichkeit entstand erst in den letzten zwei, drei Jahren, nämlich durch das sogenannte Cloud-Computing. Mehr und mehr Computer-Anwendungen, für deren einzig sinnvolle Laufzeitumgebung man bislang den eigenen PC hielt, werden mittlerweile in Form von Webanwendungen angeboten. Neben typischen Office-Anwendungen wie E-Mail, Kalender, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Folienpräsentation gibt es mittlerweile auch Webanwendungen für Bildverarbeitung, Vektorgrafik oder Videoschnitt. Die gegenwärtigen Vertreter dieser Wolkenprogramme erreichen noch nicht ganz die Standards ausgereifter Desktop-Programme, doch die Unterschiede werden immer kleiner.

Und es gibt eine neue Allianz. Ähnlich wie Desktop-Software und PC-Industrie sich gegenseitig bedingten, so bedingen sich Cloud-Computing und Web-Browser gegenseitig. Der Web-Browser ist aus Anwendersicht die Laufzeitumgebung für Cloud-Computing-Anwendungen. Je performanter der Web-Browser wird, desto flüssiger laufen Webanwendungen mit intensivem Ajax- und DOMScripting-Einsatz, und je flüssiger solche Anwendungen laufen, desto mehr Features können Entwickler solchen Webanwendungen spendieren.

Zurück zum Ausgangspunkt: Daniel Niklaus nimmt an, dass es Google gar nicht so sehr auf die Marktanteile des Chrome-Browsers ankam, als man dieses Produkt launchte. Browser-Marktanteile sind der These zufolge für Google allenfalls ein Nice-to-have. Die Chrome-Rechnung ist vielmehr deshalb aufgegangen, weil Chrome durch seine neuartige Ausrichtung auf reine Performance die gesamte IT-Welt erschreckt hat und die anderen Browser-Anbieter zu einem hektischen Umdenken zwang. Die Rechnung ist also deshalb aufgegangen, weil die neuesten Versionen der Browser alle sehr schnell geworden sind, verglichen mit ihren Vorgängerversionen. Denn nun läuft Google Mail, Google Docs und demnächst Google Wave in all diesen Browsern so ordentlich flott, dass der Weg frei ist für die große Völkerwanderung vom Desktop in die Cloud.

Nun ist es nicht so, dass Microsoft die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte. Auch in Redmont wird heftigst in Cloud-Computing-Anwendungen investiert. Doch Microsoft hat was das betrifft ein Image-Problem: sie gelten nun mal als Unternehmen für Desktop-Software, so sieht sie die Welt. Es wird ihnen schwer fallen, gegen eine zwanzigjährige Vergangenheit anzukämpfen, in der sich die gesamte IT-Welt nur um die nächstbeste Prozessor-Taktrate und die nächste Windows-Version drehte.

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