Von Kindern, digitaler Umwelt und Generationen

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Im ersten Song seines 1970 erschienenen Albums Tea for the Tillerman beschreibt Sänger Cat Stevens alias Yusuf Islam die Annehmlichkeiten einer immer stärker technisierteren Umwelt, vergisst aber nicht die Frage zu stellen „But tell me, where do the children play?“ In einer Welt voll Technik und cleaner Lebensqualität für Erwachsene ist für Kinder einfach kein Platz mehr.

Von der offenen Straße und aus der freien Natur wurden sie also vertrieben, die Kinder. Zu gefährlich, meinten Experten, wegen der Autos, der Zecken und der Kinderschänder. Aufsichtspflichtverletzend, riefen selbsternannte Sittenwächter, und zu laut, meinten die Anwohner. Stattdessen wird der Nachwuchs im Jahr 2009 von Mamis in dicken, uneinsehbaren Vans viele Kilometer weit gefahren, zu Vereinen, Musikinstrumentenlehrern und Fördernachmittagen. Aber das geht halt nicht immer. Und was machen die Kleinen dann? Richtig: sie schalten den Computer ein und gehen ins Netz.

Die Generation 2.0 beginnt schon mit vier Jahren, hat eine Studie nun festgestellt. Bereits 21% der 4- bis 6jährigen haben Erfahrungen mit dem Internet. Bei den 7- bis 10jährigen sind es 71%, bei den 11- bis 14jährigen 93% und bei 15jährigen 99%. Ebenfalls zu entnehmen ist der Studie, dass die Kinder dabei Web2.0-typische Angebote wie Social Networks oder Sharing-Services bevorzugt. Außerdem gehört natürlich Chatten und Spielen zu den wichtigsten Netzaktivitäten der Kleinen.

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Nein, wir werden jetzt nicht auf die üblichen Themen eingehen, also darauf, ob das gut ist für die körperliche Entwicklung, wie viel Bildschirmzeit täglich noch unschädlich ist, welche Gefahren im Netz lauern usw. Wir wollen lieber mal versuchen uns auszudenken, welche gesellschaftlichen Auswirkungen es hat, wenn Menschen erwachsen werden, die Interneterfahrung seit dem Vorschulalter haben. Denn was wir jetzt gerade erleben, ist, wie die erste mit Computern aufgewachsene Generation, also die ersten Digital Natives, allmählich gesellschaftlichen Einfluss gewinnen und nicht mehr weit davon entfernt sind, Macht- und Führungspositionen einzunehmen. Die klassische Medienlandschaft erodiert, Kulturkämpfe brechen aus, und die Bundesregierung erinnert in ihrer digitalen Hilflosigkeit irgendwie an die letzten Monate des DDR-Regimes.

Dabei ist die erste Digital-Natives-Generation aber nur mit programmierbaren Fernbedienungen, pixeligen Tamagotchis, häufig abstürzenden PCs und wackeligen Modemverbindungen groß geworden. Auch sie hat das Web 2.0 mit all seinen Networking-Möglichkeiten erst im Erwachsenenalter kennen gelernt. In ihrer Kindheit gab es also schon eine zunehmende Relevanz der digitalen Umwelt zu verzeichnen, doch die war noch weit von der Dominanz entfernt, die das Netz heute ausübt.

Kinder, die um oder nach der Jahrtausendwende geboren wurden, gehören zwar erst recht zu den Digital Natives, aber definitiv nicht mehr zur Generation C64. Die 2k-Generation, wie man sie nennen könnte, erlebt Computer, Mobilfunk und Internet nicht mehr geräte-nah. Kein Herumgerenne mehr wegen seltener Verbindungskabel, kein Herumgefrage mehr wegen irgendwelcher AT-Modembefehle, nicht mal mehr HTML-Code. Für sie ist das Netz überhaupt nichts Technisches mehr, sondern nur noch etwas Soziales. „Das Verwachsensein ist schon seit Jahren zu beobachten, allerdings ohne RTFM und GIDF“, schrieb @denkbar in Twitter. Da wachsen also nicht lauter kleine Programmier-Genies und Platinen-Designer heran. Stattdessen junge Menschen, für die das Netz in etwa so selbstverständlich ist wie das Licht am Abend. Einen Tag ohne Internet empfinden sie so, wie ihre Eltern einen Tag ohne Strom empfinden. Kann mal eine interessante Erfahrung sein, aber nichts, was man immer so haben möchte.

Wenn heute damit begonnen wird, die in Freiheit gewachsene und dabei bestens gediehene Infrastruktur des Netzes zu untergraben, mit Zensur nach Belieben, Anwendung veralteter Gesetze oder durch Aufgabe der Netzneutralität, dann wird auch die natürliche digitale Umwelt unserer Kinder zerstört. Allein schon deshalb muss mit allen Mitteln verhindert werden, dass die Generation Kugelschreiber, die heute an den Schaltstellen der Macht in Politik und Wirtschaft sitzt, aus Unkenntnis und Unverständnis heraus irreparable digitale Flurschäden anrichtet. Die Verantwortung für den konsequenten Widerstand und Ungehorsam gegenüber allen derartigen Zerstörungsmaßnahmen lastet vor allem auf den Schultern der Generation C64. Aus meiner Generation, der Generation Vanille, die irgendwo zwischen Kugelschreiber und C64 angesiedelt ist, kann sie immerhin teilweise auf Unterstützung hoffen, denn bei uns geht der digitale Graben quer durch die Generation.

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