27 Sätze um etwas zu sagen

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Wer eigene Websites erstellt, befasst sich oft viel mit Web-Technologien und verschwendet reichlich Zeit an irgendwelche Gimmicks oder Details, die kaum ein Besucher wahrnimmt. Am wenigsten Gedanken machen sich Anbieter in aller Regel um den Textinhalt ihrer Webseiten. Der muss oder soll oder kann irgendwoher kommen. Und nein — das ist nicht nur bei privaten Homepage-Eignern so. Nachdem sich Grafiker, Webdesigner, Programmierer, Systemadministratoren und Marketingspezialisten lange genug am endgültigen Stand eines wichtigen Webauftritts aufgerieben haben, werden die Texte der Seiten meist lieblos aus irgendwelchen Flyern oder Unterlagen der letzten Hauptversammlung zusammenkopiert. Sekretärin und Werksstudent bilden die Online-Redaktion, weil sie am wenigsten Scheu vor dem Content Management System zeigen.

„Neue Medien verlangen neue Regeln“, lautet dagegen eine immer häufiger zu vernehmende Ansicht. Als Beispiel sei das Datenschmutz-Blog und der Eintrag Schreib.Stilistik: Der Blogger und sein Journalist genannt, der wiederum auf den Artikel Journalistische Einfallslosigkeit: Mehr Format wagen! von Klaus Jarchow verweist.

Doch worin bestehen diese neuen Regeln? Wie Klaus Jarchow beobachtet, ist die oberste Regel fürs Schreiben im Netz jedenfalls nicht zwangsläufig das so oft proklamierte „ Keep it simple“, dem manchmal auch noch Handlungsanweisungen wie „schreibe keinen Satz mit mehr als einem Komma und mehr als 10 Wörtern“ hinterhergeschoben werden. Moderne Bildschirme sind schließlich keine kopfwehverursachenden Röhrenmonster mehr, und Screenreader können zumindest leidlich artikulieren. Ob ein Text auch wirklich gelesen wird, hängt viel stärker davon ab, wie viel Spannendes er zu sagen hat. Das können Neuigkeiten sein, doch auch bereits Bekanntes wird bewusst gelesen, wenn es sich nicht wie lauwarme Gemüsebrühe ins Hirn ergießt, sondern die Rezeptoren fesselt wie ein meisterlich zubereitetes Tandoori-Gericht.

Nun gilt das eigentlich für alle Medien, in denen geschriebener Text eine Rolle spielt. Also auch für klassische Printmedien. Doch worin besteht dann der vielbeschworene Unterschied zwischen Print- und Online-Medien? Antwort: es gibt eigentlich keinen Unterschied. Es gibt interessante und langweilige Texte. Der Unterschied besteht darin, dass Texte im Netz viel mehr Konkurrenz haben als in der Print-Welt, wo die Texte mit Herstellungskosten verbundenen sind. Eine produktionsbedingte Knappheit von Inhalten gibt es im Netz nicht mehr. Alles, was von halbwegs stabilen Webservern ausgeliefert wird, erreicht den Leser mit technischer Chancengleichheit. In den nachwachsenden Generationen verklingt außerdem der Hall ehrfurchtsgebietender Namen traditionsreicher Redaktionen und Publikationsorgane. Gelesen wird, was Interesse weckt, und Interesse weckt, was auffällig gut geschrieben ist. Egal, ob es sich um alltägliche Blog-Beiträge, um Essays von bleibendem Wert, um technische Dokumentation, um begleitende Texte zu multimedialen Inhalten oder um Texte mit Werbefunktion handelt. Besonders unter Bloggern wächst in letzter Zeit die Sensibilität für Interesse weckendes Texten, was sich in Empfehlungen wie „13 totsichere Tipps“ niederschlägt. Halten wir uns — wenn auch nur für dieses eine Mal — an die Behauptung, wonach „50 ways to leave your lover“ nur wegen des Titels ein Hit geworden sei. Die 27 Sätze sind nämlich hiermit erschöpft.

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