Der erste Internet-Krieg

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Den Ersten Weltkrieg kennen wir, und den Zweiten. Und jetzt soll wieder Krieg sein? Anzeichen dafür gibt es. Es genügt, auf news.google.com oder blogsearch.google.com oder bei Twitter nach Ausdrücken wie Internetsperren, Paintball oder Zensursula zu suchen. In letzter Zeit nehmen die Versuche von politischer Seite, das Internet zu reglementieren, auffällig und massiv zu. Diese Verdichtung von netzbedrohlichen Maßnahmen haben innerhalb des Netzes mittlerweile zu einem Sturm der Empörung geführt und zu Mobilisierungen aller Art (Online-Petition, öffentliche Briefe an Politiker, Stellungnahmen namhafter Organisationen gegen die politischen Maßnahmen). Das wiederum hat die herrschende Schicht mittlerweile dazu bewegt, ihrerseits zur Unterstützung ihrer Vorhaben aufzurufen, und seltsame Interessenskoalitionen von Lobbyisten helfen dabei.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde bereits am 14.05.2009 im früheren Webkompetenz-Forum gepostet und wird hiermit ins Blog übernommen

Zeitgleich wird an der Front zwischen alten und neuen Medien immer offener gemetzelt. Belletristik-Autorin Julia Franck sieht die Existenz der Autoren und der Literatur bedroht, während Google munter weiterscannt und sich immer offener einen Dreck schert um angeblich verletzte Urheberrechte, weil sie wissen, dass sie in Wirklichkeit nur Nutzungs- und Verwertungsrechte von Verlagen verletzen, und wenn man genug Geld hat, um alle namhaften Verlage aus der Kaffeekasse aufkaufen zu können, muss man sich über deren Ansprüche keine Sorgen mehr machen.

Die französische Regierung preschte besonders weit vor und wollte Internetzugänge von jedem, der sich mal illegal einen Song herunterlädt, kappen. Das wurde mittlerweile vereitelt. In Schweden kommt die Piratenpartei auf mehr als 5% der Stimmen. "Es mischen sich jetzt Online- und reale Welt", hat Franziska Heine in einem Interview neulich gesagt.

Tatsächlich hat sich etwas verändert: früher hielten Politiker das Internet unter vorgehaltener Hand für einen bösen Viren-, Porno- und Chaotensumpf, doch es genügte, mit vorgehaltener Hand darüber zu reden. Das Netz gab keinen Anlass zu konkretem Handeln, und so konnte man es offiziell in Ruhe lassen. Die Netizens wiederum posaunten viele Injurien über Politiker herum, aber das war einfach wie beim Stammtisch. Man blieb letztlich unter sich, und das konnte man ja auch, denn man wurde ja in Ruhe gelassen.

Jetzt gibt es direkten Kontakt zwischen den Welten, weil das Internet so einflussreich geworden ist, dass man es auf Seiten der Politik nicht länger ignorieren kann. Und die Netzbürger sitzen nicht länger in einem abgelegenen Dorfgasthaus, sondern in einem regierungsseitg videoüberwachten Glashaus, dessen Wände aber sehr dünn sind. Im besten Fall wird noch miteinander geredet. Doch dabei gibt es derzeit keinen Konsens. Die Zeichen stehen auf Kampf. Die einen haben viel zu verlieren, und die anderen sind sehr, sehr empört.

Eine Eskalation ist durchaus nicht auszuschließen. Regierungen könnten, um immer größere Empörungswellen aus dem Netz zu unterbinden, massive elektronische Sperren errichten ("Notstandsgesetze"). Hacker könnten daraufhin durch Manipulation entsprechender Rechner die öffentliche Ordnung stark beeinträchtigen. Elektronische Schlachten, die durchaus reale Opfer kosten kann (z.B. durch zusammenbrechende, elektronisch geregelte Infrastrukturen im Verkehr, im Gesundheitswesen usw.). Bösartige Computerviren, Aufrufe zu zivilem Ungehorsam (z.B. keine Steuern mehr zu zahlen) — es sind eine Menge Szenarien ausdenkbar, die aus den gegenwärtigen Scharmützeln einen hässlichen digitalen Showdown machen könnten, bei dem am Ende niemand mehr gewinnen kann und alles kaputt geht.

Wahrscheinlich wird es nicht gleich bis zum bitteren Ende gehen. Doch fest steht, dass es nicht weitergeht wie bisher. Die Zeiten der Koexistenz sind jedenfalls vorbei.

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