Newsgrape geht in die offene Beta-Phase

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newsgrape.jpg Jetzt wirds ernst für das junge österreichisch-deutsche Startup, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, zum YouTube der Texte zu werden.
Eigentlich veröffentlicht am 11.06.2011

Allen multimedialen Unkenrufen zum Trotz: gute Texte haben Konjunktur im Web. Sie werden retweetet, geteilt, gebookmarkt, und sie bewegen. Vor allem Artikel boomen - eine Textsorte, die man in einer Zeitspanne von einigen wenigen bis ein paar Dutzend Minuten konsumieren kann. Gerade genug für die Begleitung zum Morgenkaffee, für Gedankenpausen während der Arbeit, oder als Betthupferl. Artikel sind nachhaltiger als die zahlreichen Status-Statements, denen der moderne Zeitgenosse in den Timelines des Social Web ausgesetzt ist. Andererseits sind sie in sich abgeschlossene, überschaubare Items - genau die Art von gut verlinkbarer Hypertexteinheit, die dem Web entgegenkommt. Vor allem in Verbindung mit interessanten Kommentaren können sie ein Thema aus erstaunlich vielen Blickwinkeln beleuchten.

Newsgrape ist eine Artikel-Plattform mit Social-Networking-Funktionalität. Mittlerweile in der Beta-Phase angekommen, steht die Plattform ab sofort allen interessierten Benutzern zur Registrierung offen. Eine Plattform, die Autoren, Gedanken und Texte - und künftig auch Geld - zusammenbringen soll. Im Februar 2011 ging das Projekt, dessen Startkapital zu großen Teilen über Crowdfunding zustande kam, in Form einer nicht-öffentlichen Pre-Beta-Phase online. Ich hatte das Glück, einen der limitierten Zugänge zu erhalten. In dem Artikel Erste Eindrücke von Newsgrape habe ich seinerzeit versucht, das Projekt gedanklich einzuordnen in die vorhandene Landschaft der Blogs, der Hosted-Blog-Plattformen und anderer Möglichkeiten, im heutigen Web zu publizieren. Die „Marktlücke“, welche die österreichischen Gründer Felix Häusler, Leo Fasbender und ihr Entwickler-Team mit ihrer Text-Community-Plattform sehen, ist durchaus real - allerdings ist sie schon jetzt nicht mehr unbesetzt. Anbieter wie PageWizz oder Suite101.de schlagen in die gleiche Presche - und das bereits mit einigem Erfolg.

Die nicht-öffentliche Pre-Beta-Phase von Newsgrape war durchaus geeignet, um die Networking-Konzepte der Plattform anzutesten: Magazine gründen, bei anderen Magazinen Gastredakteur werden, Artikel kommentieren, eigene Profilseiten bearbeiten, auf User-Pinnwände schreiben, Nachrichten mit anderen Autoren austauschen, die eigene Sicht auf die Plattform (E-Go-Bereich) konfigurieren usw. Konsequent genutzt wurden diese Möglichkeiten allerdings noch nicht wirklich. Der Grund dafür war einfach die fehlende Masse registrierter User. In der Pre-Beta-Phase tummelten sich gerade mal ein paar Hundert Account-Inhaber auf der Plattform, was man sich ungefähr so vorstellen muss, wie wenn ein paar Hundert Leute versuchen, ein ansonsten leeres New York zu bevölkern.

Es erwies sich allerdings als klug, die Plattform während der Pre-Beta-Phase (die aus gutem Grund so heißt) noch keinem größeren Publikum zu öffnen. Diverse Software-Unstimmigkeiten, noch nicht funktionierende Features und ein durch Programmierung verursachter Datenverlust, bei dem einige Daten nicht mehr wiederhergestellt werden konnten, sorgten noch für diverse Unsicherheiten und Zweifel. Doch das Newsgrape-Entwicklerteam nutzte die Pre-Beta-Phase für einen kompletten Rewrite der Software. Über vollständige Software-Rewrites wird zwar in Entwicklerkreisen gerne die Nase gerümpft. Doch in diesem Fall ist der Rewrite damit begründbar, dass man sich erst während der Pre-Beta-Phase auf eine endgültige Software-Architektur festlegte. Letztere musste einen für die Plattform optimalen Kompromiss zwischen Performance, Hochverfügbarkeit und Datensicherheit finden. Das Newsgrape-Team hat sich dahingehend entschieden, Artikel-Ressourcen wie Grafiken, Videos usw. in der S3-Cloud von Amazon zu speichern. Die Datenbank und das Web-Frontend werden dagegen auf einem skalierbaren Server-System von Hetzner gehostet.

Bemerkenswert war während der Pre-Beta-Phase auf jeden Fall die Offenheit und Zugänglichkeit der Newsgrape-Macher. Leo Fasbender und Felix Häusler gingen zeitnah auf alle Fragen, Ideen, Wünsche und Fehlermeldungen im internen Forum ein. Durch die Kommunikation dort haben sie zweifellos ein paar treue Anhänger gefunden. Wäre der direkte Draht zu den Newsgrape-Machern nicht gewesen, hätte ich der Plattform wahrscheinlich bis auf weiteres wieder den Rücken gekehrt, weil mir das alles noch nicht rund und stabil genug war.

Das Newsgrape-Team
Das Newsgrape-Team

Für alle, die es interessiert, was Newsgrape ab der offiziellen Beta-Version gegenüber vorher alles kann, hier eine Liste der wichtigsten Neuerungen:

  • Statistik
    Als Artikelautor kann man mit der Einführung der Beta-Version nun auch die Anzahl positiver und negativer Bewertungen sehen. Auch wie oft ein Artikel von Benutzern zu ihren Favoriten hinzugefügt wurde, wird nun angezeigt.
  • Artikelserien
    Für mehrteilige Artikel oder beispielsweise auch für die sukzessive Veröffentlichung eines Romans stellt Newsgrape mit der Beta-Version die Möglichkeit sogenannter Stories zur Verfügung. Leser können leicht erkennen, wenn ein Artikel Teil einer mehrteiligen Serie ist.
  • Bilderstrecken
    Dieses Format ist eher typisch für bekannte Online-Magazine wie SPON, FOCUS oder STERN. In der Bloggerszene wird darüber manchmal die Nase gerümpft. Dennoch ist es für manche Beiträge sicherlich ein bereicherndes Mittel. Etwa für Autoren, die über ein Ereignis berichten, bei dem sie selber anwesend waren und viele Fotos gemacht haben. Mit der Beta-Version ist es für Autoren ganz einfach möglich, Bilder zu einer Bilderstrecke zusammenzufassen. Jedes einzelne Bild lässt sich mit einem Titel, einer Beschreibung und einer Lizenzangabe versehen.
  • Artikel-Optionen
    Seit der Beta-Version ist es möglich, für jeden Artikel eine eigene Lizenzform festzulegen, wobei sich die angebotenen Lizensierungsmöglichkeiten am CreativeCommons-Modell orientieren. Ferner kann man festlegen, ob ein Artikel für Suchmaschinen auffindbar sein soll oder nicht, und man kann die Kommentiermöglichkeit für Artikel ein- oder ausschalten.
  • Neue Bewertungsmöglichkeiten
    Neben der Möglichkeit, Artikel direkt zu tweeten oder via Facebook zu liken, können Leser nun auch den Google +1-Button klicken oder „diggen“. Autoren, die über einen Account bei Flattr verfügen, können optional einen summarischen Flattr-Button für alle eigenen Newsgrape-Artikel hinzufügen.
  • Meldesystem
    Leider kommt es immer wieder mal vor, dass Artikel aus nichts anderem bestehen als Werbung. Das ist durchaus nicht unerlaubt - aber es wird verlangt, dass entsprechende Artikel als solche gekennzeichnet werden. Dafür ist eine neue Checkbox vorgesehen. Angemeldete Leser und Autoren haben mit Beginn der Beta-Version die Möglichkeit, rein werbende Artikel, die nicht als solche gekennzeichnet sind, zu melden.

Neben all diesen neuen Funktionen wurden aber auch zahlreiche Verbesserungen an bereits vorhandenen Features vorgenommen. Dabei haben die Entwickler sich bemüht, möglichst viel von dem Feedback, das in der Pre-Beta-Phase im internen Newsgrape-Forum geäußert wurde, zu berücksichtigen. Da ich mich an den Verbesserungsvorschlägen ebenfalls beteiligt habe, kann ich mich nun auch über einige persönlich erfüllten Wünsche erfreuen. Änderungen dieser Art sind beispielsweise:

  • Verbesserte Gestaltungsmöglichkeiten
    Es ist nun auch möglich, Videos in Artikelinhalte einzubetten.
  • HTML5-Auszeichnungen
    Newsgrape verwendet jetzt HTML5 zur Auszeichnung und operiert dabei konsequent mit Elementen wie section und article.
  • RSS-Feeds
    Die Artikel von Autoren und Magazinen lassen sich nun auch als Atom-Feeds abonnieren - auch wenn dabei nur die Titel und Teaser-Texte ausgegeben werden.

Leo Fasbender hat mir in einem Telefonat vor einigen Wochen zugesichert, dass mit dem Start der Beta-Version noch mal kräftig die Werbetrommel für Newsgrape angeworfen werde. Und wer sollte sich davon angesprochen fühlen?

  • Journalisten, die einen Ort für Experimente suchen, etwa mit Artikeln zu ihnen sonst fremden Themenbereichen, oder die ihrem Chef oder Auftraggeber beweisen wollen, dass ein abgelehnter Artikel durchaus Pfeffer gehabt hätte, oder die so einiges an unveröffentlichtem, aber veröffentlichungswürdigem Material in der Schublade haben.
  • Gelegenheitsschreiber, die kein eigenes Blog regelmäßig befüttern und keine Homepage pflegen wollen, aber hin und wieder Beiträge verfassen, die sie gerne im Web veröffentlichen würden.
  • Blogger, die sich mehr Networking rund um ihre Beiträge wünschen.
  • Social-Network-Aktive oder Forenschreiber, deren Beiträge oft viel zu lang, zu ausführlich und zu schade sind, um im endlosen Strom der Networking-Timelines davonzuschwimmen.
  • Romanautoren, die ihr Werk sukzessive als Artikelserie veröffentlichen wollen. In Tageszeitungen ist so etwas ja längst nicht mehr üblich.
  • Aufmerksame Zeitgenossen, die auf dem Speicher zeitgeschichtlich interessante Texte oder Bilder gefunden haben und nicht so recht wissen, wohin damit.
  • Betroffene, die eine bestimmte Lebensphase schriftlich für die Öffentlichkeit beschreiben möchten, etwa einen Gerichtsprozess, eine Erkrankung oder eine Weltreise.
  • Studenten, Arbeitslose, Geringverdiener, Hausfrauen und andere un- oder unterbelohnte Gesellschaftsmitglieder können durch Artikel aus ihrem Kenntnisbereich künftig einen Nebenverdienst erwirtschaften. Das dazu nötige Feature der artikel-/autorenspezifischen Werbekampagnen mit 70%iger Umsatzbeteiligung der jeweiligen Autoren wird Newsgrape nach eigenen Angaben jedoch erst im Herbst einführen.

Wie aus der kleinen Aufzählung hoffentlich ersichtlich wird, kann die Artikelplattform für völlig unterschiedliche Zielgruppen interessant sein. Artikel schreiben auf Newsgrape kann so ähnlich sein wie Bloggen, aber die Plattform ist keine konzeptionelle Huldigung der Bloggerszene. Sie bezieht bewusst auch jene zahlreichen Autoren mit ein, die in der Bloggerszene und ihrem gewachsenen Biotop nicht heimisch werden. Für den weiteren Erfolg hängt allerdings viel davon ab, dass die Plattform bekannter wird, und dass sich genügend Autoren finden, die es mal damit probieren möchten.

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