Formulare als Gesprächsanfänge

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Irgendwie erinnert mich das an die Anfangsthese Märkte sind Gespräche aus dem Cluetrain Manifest. In beiden Fällen geht es darum, wichtige Erscheinungen mit Graue-Männer-Flair zu vermenschlichen. Und ob mans glaubt oder nicht: Ohne Formulare wird es die Märkte der Zukunft gar nicht geben.

„Die Gestaltung von Formularen entscheidet darüber, ob Diskussionen in Blogs stattfinden, Einkäufe getätigt werden oder per Schieberegler eine Bewertung abgegeben wird — oder eben nicht”. So die Aussage unter dem schönen Titel Ein Formular ist kein Datenbankprozess, es ist der Anfang eines Gesprächs im Projekt Vorsprung durch Webstandards. Der eigentliche Inhalt der Überlegungen von Autor Timo Wirth stecken jedoch nicht in einem Artikel, sondern in einem folienunterstützten Vortrag. Die Folien zum Vortrag sind online verfügbar und vermitteln auch ohne den Vortrag selbst einen Eindruck davon, worum es geht:

Ein paar nette Leute am Tisch: „Sie möchten mitdiskutieren? Formular ausfüllen!”, heißt es dort, und dann ein Bild von einer Verkaufstheke: „Sie möchten einkaufen? Formular ausfüllen!

In der Tat ist uns aktiven Web-Nutzern kaum noch bewusst, dass wir eigentlich die meiste Zeit damit verbringen, HTML-Formulare auszufüllen. „Im Web ist jede Interaktion eine über Formulare vermittelte”, stellt die nächste Folie des Vortrags fest. Selbst wenn wir in schicken Wysiwyg-Online-Writern arbeiten, steckt immer auch ein Formular dahinter. Und genau das führt zur nächsten wichtigen nötigen Erkenntnis: Niemand mag Formulare — wenn sie aussehen wie eine Steuererklärung. Formulare sind um so besser, je weniger sie nach Formular aussehen. Denn wer interagieren will, will keine Formalitäten erledigen. Genau das aber empfinden Anwender, wenn ein Formular zu bürokratisch wirkt.

Doch nicht nur die Optik der Dialogelemente ist von Bedeutung. Mindestens ebenso wichtig ist, ob und wie sie während des Ausfüllens reagieren, und vor allem, wie sie bei fehlenden oder fehlerhaften Eingaben reagieren. Als es die Ajax-Schnittstelle noch nicht gab, musste immer erst mal ein komplett ausgefülltes Formular zum Server übertragen und dort ausgewertet werden. Fand das auswertende Script einen Fehler, sendete es eine Fehlerseite. Im besten Fall enthielt diese Seite noch einen Link zur Formularseite, damit der User noch mal von vorne anfangen konnte. Dann kamen die sogenannten Affenformulare in Mode. Im Fehlerfall wurde gleich wieder die Formularseite erneut ausgegeben, und zwar mit mehr oder weniger gut sichtbaren Hinweisen auf fehlende oder falsche Eingaben, zum Beispiel rot umrandete Felder. Doch auch das finden Menschen nicht wirklich prickelnd — der Name „Affenformular” kommt nicht von ungefähr. Dank des JavaScript-Objekts mit dem sperrigen Namen XMLHttpRequest ist es mittlerweile möglich, erforderliche HTTP-Kommunikation bereits während des Ausfüllens eines Formulars im Hintergrund abzuwickeln und auf fehlende oder problematische Eingaben noch vor dem Submit zu reagieren.

Allerdings ist Ajax allein kein Allheilmittel. Beim Formular-Design, also letztlich beim Web-Kommunikationsdesign, gilt es noch wesentlich mehr zu beachten. Zum Beispiel:

  • Keine unnötigen Daten erfassen
    Wenn man zur Benutzeridentifizierung sowieso nur eine Mailadresse benötigt, sollte man auch gar nichts anderes abfragen.
  • Während der Eingabe erklären und unterstützen
    Mit Hilfe von JavaScript ist es möglich, zu Feldern erklärende Texte einzublenden, sobald sich der Cursor darin befindet. Die Texte können dem Anwender erklären, warum er in diesem Feld etwas eingeben muss („Dein hier eingegebener Name wird anderen Benutzern angezeigt”), oder worauf er bei der Eingabe achten sollte („Die Mailadresse muss stimmen, damit Sie Ihre Registrierung erfolgreich abschließen können”). Noch besser als Mahnen ist natürlich Unterstützen („Die Mailadresse muss stimmen, damit Sie Ihre Registrierung erfolgreich abschließen können. Wenn Sie auf [Testen] klicken, senden wir zu Ihrer Kontrolle sofort eine kurze Testmail an die angegebene Adresse.”). Gut gelöst ist in diesem Zusammenhang beispielsweise auch die laufende Anzeige verbleibender Zeichen bei Feldern, deren Inhalt eine bestimmte Zeichenzahl nicht überschreiten darf. Bestes Vorbild in dieser Hinsicht ist Twitter.
  • Kein „Datenbanksprech”
    Auf diesen Aspekt legt auch der Foliensatz von Timo Wirth viel Wert. Mit Feedbacks wie „Eingabe unterhalb des gültigen Bereichs” mag der Programmierer seine Pflicht der Datenprüfung erfüllt haben, doch für Anwender ist so etwas ungenießbar. Für den Anwender angemessenes Feedback wäre etwa „Sie müssen mindestens 3,50 € bieten”.
  • Mitdenken und Felder oder Auswahlmöglichkeiten vorbelegen”
    Wenn ein User in einer session-basierten Webanwendung angemeldet ist, sollte er keine Daten mehr eingeben müssen, die der Anwendung bereits bekannt sind. Während das schon eher eine Selbstverständlichkeit ist, gibt es aber auch noch den großen Bereich wahrscheinlicher oder vermuteter Benutzereingaben. Solange es nicht zu vermeiden gilt, den Benutzer in irgendeiner Weise zu beeinflussen, ist es in diesem Bereich sinnvoll, Felder mit sinnvollen oder vermuteten Werten vorzubelegen. Dazu ist allerdings das rechte Augenmaß wichtig. Denn wer in Dachau wohnt, interessiert sich nicht automatisch für Konzentrationslager. Aber wer ein 10jähriges Kind hat, interessiert sich mit berechtigter Wahrscheinlichkeit für Schulthemen.
  • Nicht zu viele Felder auf einmal *
    Nichts ist abschreckender als ein Formular, das einen mit unzähligen Feldern schier erschlägt. Komplexe Formulare mit vielen Feldern, wie etwa das Bearbeiten von Seiten in einem Content Management System, lassen sich durch Tabbed Interfaces entwirren (wobei jeder Tab einem fieldset-Element im Formular entsprechen sollte). Andere, eher prozedurale Ausfüllvorgänge mit vielen erforderlichen Einzeldaten (etwa die Buchung einer Reise) lassen sich entzerren, wenn statt eines langen Formulars lauter kleine Einzelformulare in Schrit-für-Schritt-Manier angeboten werden, so wie es von Software-Installations-Assistenten her bekannt ist.
  • Vorschaumöglichkeit anbieten *
    Das ist besonders wichtig etwa bei Diskussionsforen oder Kommentar-Formularen. Insbesondere dann, wenn der Anwender dort Richtext-Formatierungen verwenden kann. Einige Anwender schätzen auch Hilfsmittel wie Vorschläge einer Rechtschreibkorrektur. Andere wiederum finden das eher lästig. Insofern sollten solche Hilfsmittel wenn dann optional angeboten werden.

Und wer jetzt gleich hier ein Gespräch anfangen möchte, zum Beispiel über die Mängel der hier angebotenen Formulare (die ich allerdings nur an Wikidot weitergeben kann, weil ich selber kaum Einfluss darauf habe), ist herzlich eingeladen.

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