Die Spackeria und das heraufziehende Zeitalter der Transparenz

23 Mar 2011 21:00

spackeria.png Eine Bewegung mit dem flapsigen Namen „Spackeria“ bewegt die Nerd-Szene in Deutschland. Doch das Phänomen ist international. Und es wächst.
(eigentlich veröffentlicht am 19.03.2011)

Die große Mehrzahl der Themen, die in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit dem Netz hochkochten, hat mehr oder weniger stark damit zu tun. Wikileaks zum Beispiel, oder Google Streetview. Es geht um das Interesse der Öffentlichkeit an der Wirklichkeit, und es geht zu Lasten von herrschaftlicher Vertraulichkeit und eine bis in den öffentlichen Raum hinein behauptete Privatsphäre. „Jeden Tag ein Geheimnisverrat!“, twitterte Christian Heller alias plomlompom dieser Tage, einer der bekanntesten Protagonisten der Spackeria, ganz im Stil eines frommen Lutheraners, der sich eintrichtert, jeden Tag eine gute Tat zu tun. Grund genug herauszufinden, was da eigentlich geschieht.

Die Frage, was privat und was öffentlich sein sollte, was vertraulich behandelt und was publiziert gehört, wird zur Zeit oft und neu gestellt. Eine Neubewertung findet statt, so viel ist gewiss. Das Netz hat allen, die sein Potential nutzen, Daten, Inhalte und Kommunikation in einem Ausmaß verfügbar gemacht, wie es sich vor 20 Jahren noch niemand hätte träumen lassen. Die sofortige elektronische Verfügbarkeit von Antworten auf Fragen, Gedanken und Menschen hat in den Köpfen aller Beteiligten Grenzen verschoben. Wurde es anfangs noch als Wunder empfunden, durch eine Suchanfrage blitzschnell an zielführende Inhalte zu gelangen, so ist es mittlerweile umgekehrt: Wenn Suchanfragen nicht blitzschnell zielführend sind, entsteht sofort eine Ungeduld, die entweder zu einem Strategiewechsel führt („dann suche ich eben mal in Facebook statt in Google“) oder zu umgehendem Desinteresse („dann lasse ich diese Hintergrundinfo halt außen vor“). Aber auch das Verhältnis des Selbst zum Netz hat sich grundlegend geändert. Früher ging man online - man musste den PC hochfahren, was oft lange dauerte, und das Kreischen des Modems signalisierte deutlich, dass man nun durch ein seltsames Wurmloch schlüpfte, um die geheimnisvolle Welt des Netzes zu betreten. Heute ist ein stark wachsender Teil unserer Spezies immer standby, immer online und Teil des Netzes. Am PC, am Netbook, am Smartphone. Man speichert seine Daten im Netz, also in der Cloud, weil das der bleibende Ort ist - im Gegensatz zu den Geräten, mit denen man das Netz nutzt. Und man teilt dem Netz mit, wo man gerade ist, was man gerade entdeckt hat, oder man bekundet einfach kurz, dass einem dies und das gefällt oder missfällt.

Für klassische Datenschützer ist es ein Albtraum, was da vor sich geht. Und die meisten Politiker kommen rein gar nicht mehr mit. Scheinbar fahrlässig und wider alle Vernunft stellen immer mehr Power-User wissentlich über Services wie Gowalla oder Foursquare ihre vollständigen Bewegungsprofile offen ins Netz, während sich dieselben User in öffentlich zugänglichen Tweets und Postings vehement gegen staatliche Schnüffelvorhaben wie die Vorratsdatenspeicherung aussprechen. Das klingt widersprüchlich. Doch es ist eigentlich ganz einfach: diese Leute wollen einen Staat, der zu ihnen passt, einen transparenten, gläsernen Staat, der alles offenbart, was er über einen weiß. Unter ihresgleichen erleben sie das alles längst: OpenSource, Kooperation, offene Karten. Kein Traum von westlichem Sozialismus, wie einst oft beschworen in verrauchten Studentenkneipen weit nach Mitternacht, sondern gelebte Wirklichkeit. Kein verordneter Gleichschritt mit profitfeindlicher Grundeinstellung, sondern eher eine Laissez-faire-Haltung innerhalb einer Community der Vernetzten, die netzkonformen Egoismus akzeptiert, aber netzfeindlichen Egoismus um so konsequenter erkennt und ahndet: mit digitalem Rauswurf. Derzeit insgesamt eher noch eine Art Gegenwirklichkeit, die keinen wahrnehmbaren Anteil am Bruttosozialprodukt hat. Allerdings sind Geschäftsführer von Unternehmen wie Google oder Facebook in der Vergangenheit bereits durch Bemerkungen aufgefallen, die in die gleiche Richtung zielen. Als Post-Privacy wird die entsprechende Geisteshaltung landläufig bezeichnet, doch fehlt diesem Ausdruck noch die Kraft, etwas wirklich Neues zu bezeichnen.

Michael Seemann, im Netz besser bekannt als mspr0 und einer der führenden Protagonisten der Spackeria-Bewegung, hat kürzlich eine schöne Zusammenfassung zur deren Entstehung im deutschsprachigen Raum geschrieben: The Rise of Spackeria. Er erzählt dort, wie der eingangs erwähnte Christian Heller alias plomlompom am 28.12.2008 auf dem 25. Kommunikationskongress des Chaos Computer Clubs einen Vortrag mit dem Titel Embracing Post-Privacy hielt. Dort wurde der zunehmende Verlust der Privatsphäre im Netz seines Wissens erstmals nicht als Problem, sondern als Chance gewertet. Die Zuhörer wussten zunächst nicht, wie sie diese Ideen einordnen sollten und reagierten offenbar erst einmal mit wohlwollend irritiertem Lächeln. Zwei Jahre später übrigens entstand der Begriff Spackeria, nachdem Konstanze Kurz im Rückblick auf den 27. Kommunikationskongress des CCC die Vertreter der Post-Privacy-Bewegung als Post-Privacy-Spackos bezeichnet hatte.

Diese verächtliche Bemerkung hat die Welle jedoch erst richtig losgetreten. Die Bekenner der Richtung haben mittlerweile ein Spackeria-Wiki gegründet, das als eine Art Materiallager für „Post-Privacy-Spackessen und -Spackos“ dient, sowie ein Spackeria-Blog. SPIEGEL Online hat über die Internet-Exhibitionisten „Spackeria“ berichtet, und eine Diskussion auf breiterer Front scheint allmählich in Gang zu kommen, unterstützt durch Beiträge wie etwa Post-Privacy, Spackeria, Dystropien und wichtige Gedanken von Stefan Schlott oder den kritischen Artikel Was die Spackeria (nicht) versteht von Kai Denker. Nicht die Post-Privacy-Einstellung als solche ist das, was hier neu entsteht. Neu ist das gegenseitige Erkennen der Sympathisanten dieser Denkrichtung, das Entwickeln einer Position im gesellschaftlichen Diskurs, und vielleicht auch das Hoffen auf ein neues geistiges Paradigma.

Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, bei alledem erst einmal bei dem flapsigen Ausdruck Spackeria zu bleiben. Denn ideologische Theoretisierungen mit seriösen Begriffsbildungen wie etwa Transparentismus schaden am Ende mehr als sie nutzen. Es wird sich zeigen, ob die Spackeria am Ende als Modeerscheinung in die Geschichte eingehen wird, so wie in den 80er Jahren die namensähnliche Schickeria, oder ob sie irgendwann als zündende Vorreiterbewegung eines neuen, zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstandenen Zeitalters der Transparenz betrachtet werden wird.

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