Die Wahrheits-Wikis

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wiki-truth.png Wikileaks, GuttenPlag, Lobbypedia: Wikis scheinen sich als Organisationsform zur Aufdeckung von Wahrheit besonders gut zu eignen.
(eigentlich veröffentlicht am 03.03.2011)

Dass Wikis nicht nur geeignet sind, um enzyklopädisches Wissen zu sammeln, wussten Insider schon lange. Dass sie allerdings auch als Enthüllungs- und Entlarvungsinstrument taugen, hätte wohl kaum jemand gedacht. Seit Wikileaks ist diese Gedankenverbindung jedoch hergestellt, und spätestens mit dem überraschenden Erfolg des GuttenPlag-Wikis ist klar geworden: Wikis sind das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, gemeinsam mit vielen Usern öffentlich Fakten und Belege für oder gegen etwas zu sammeln. Denn Wikis sind nicht nur einfach Publikationwerkzeuge für Daten, sondern sie ermöglichen auch Einzeldiskussionen zu jedem Topic, und jeder Edit-Vorgang einer Wiki-Seite wird zu einer Version im eingebauten Repository. Wiki-Systeme verfügen also über integrierte Instrumente zur Selbstkontrolle. Gerade bei Edit-Vorgängen rund um ein emotional hochkochendes Thema wie etwa die Doktorarbeit zu Guttenbergs sind solche Instrumente zur Selbstkontrolle unerlässlich.

Was Wikileaks betrifft, so ist der Name Wiki jedoch längst irreführend. Zwar setzte WikiLeaks ursprünglich MediaWiki ein, also die Wiki-Software, die auch hinter Wikipedia steckt. Doch seit 2009 ist man bei Wikileaks vom ursprünglichen Wiki-Konzept abgerückt. Es begann damit, dass das bisherige Webangebot über Monate hinweg nicht verfügbar war, weil Wikileaks Spenden zur Weiterfinanzierung sammelte. Im Mai 2010 nahm Wikileaks dann zwar zunächst seinen bis dahin gewohnten Betrieb wieder auf. Doch was dort als baldige Software-Verbesserung angekündigt wurde, entpuppte sich schließlich als Abkehr vom Wiki-Konzept. Ruft man Wikileaks heute auf, kann man zwar immer noch vereinzelt auf MediaWiki-Seiten landen, meistens aber auf anderen, oft nur statischen HTML-Seiten. Es gibt keine echte, jederzeit verfügbare Einsicht mehr in veröffentlichte Leak-Dokumente. Die Webpräsenz von Wikileaks ist seit dem Wirbel um Julian Assange ähnlich chaotisch und wirr wie der Trubel um den Gründer selbst. Eine verlässliche Plattform ist Wikileaks nicht mehr.

Genau das möchte die Alternativ-Plattform OpenLeaks werden. Doch auch diese wird wohl kein Wiki-Konzept verfolgen. In den FAQ heißt es klipp und klar, dass man keine Leak-Dokumente direkt zu veröffentlichen plane, sondern sich lediglich als verlässlichen Makler zwischen Whistleblowern und Zielgruppen wie investigative Journalisten bestimmter Magazine betrachte.

Im Whistleblower-/Leaks-Bereich haben sich Wikis und eine vollkommen öffentliche Einsehbarkeit also einstweilen als zu brisant und gefährlich erwiesen. Das muss aber nicht unbedingt immer so bleiben. Der Trend zur Transparenz ist ungebrochen. Er wird früher oder später vermutlich neue Versuche gebären, vertrauliche, aber für eine sich selber aufklärende Öffentlichkeit wichtige Inhalte gegen den Willen der ursprünglichen Sender und Empfänger online bereitzustellen.

Unterdessen ist mit dem GuttenPlag-Wiki eine neue Form der Wiki-Nutzung bekannt geworden, die durchaus große Chancen hat, ein wichtiges Regulativ in der Öffentlichkeit der Zukunft zu spielen. Das disziplinierte und von vielen, vor allem jungen Usern perfekt beherrschte Crowdsourcing hat binnen weniger Tage eine Redaktionsleistung erbracht, zu der ein fachkompetentes Untersuchungsgremium sonst viele Wochen brauchen würde. Doch das Wichtigste ist: die Ergebnisse sind öffentlich für jeden interessierten User bis in alle Details einsehbar. Das ist ein gewaltiger Unterschied zum veröffentlichten, zusammenfassenden Ergebnisreport eines Untersuchungsgremiums, dem man letztlich auch wieder nur vertrauen muss. Die Kette der Missbrauchsmöglichkeiten und der möglicherweise „gekauften“ Beteiligten im Aufklärungsprozess ist plötzlich unterbrochen. Es steht nichts und niemand mehr zwischen dir, dem End-User, und dem umstrittenen Dokument, sowie den Texten, die es umstritten machen.

Das GuttenPlag-Wiki ist dabei alles andere als ein Insider-Dokument. Die Autoren haben sich sichtlich bemüht, die Inhalte des auf der Wikifarm Wikia gehosteten Wikis auf verschiedenen Wegen leicht zugänglich und auffindbar zu machen. Für den schnellen Einstieg gibt es beispielsweise die Herausragenden Fundstellen, und für systematischere Recherchen ein einfache Liste aller Fundstellen. Die systematischen Übersichten aller Fundstellen werden außerdem in verschiedenen Formen visualisiert. Da haben sich zweifellos Spielkinder ausgetobt, die richtig Spaß an der Sache hatten. Doch sie waren hochmotiviert, und die Motivation trieb sie auch zu hochgradig genauem Arbeiten. Jeder Besucher, der sich eine viertel oder halbe Stunde Zeit nimmt, kann sich genügend Fundstellen ansehen, um sich selber ein Bild der Plagiatausmaße zu machen.

Der überwältigende Erfolg des GuttenPlag-Wikis, dessen schonungslose Offenlegungen vor allem Journalisten und Wissenschaftler erregte, was letztlich den Sturz zu Guttenbergs einleitete, blieb nicht folgenlos. Das Konzept wurde kurzerhand verallgemeinert, und als Ergebnis ging das PlagiPedi-Wiki ans Netz. „Lasst uns daher zusammenarbeiten und erst einmal grob überprüfen, ob es sich hierbei um einen bedauerlichen Einzelfall handelt, oder ob Herr Guttenberg in trauriger Gesellschaft weilt. Dieses Wiki soll die Bemühungen all jener organisieren, die das Ziel eines integren wissenschaftlichen Abschlusses von Persönlichkeiten überprüfen wollen, die in herausragenden verantwortungsvollen Positionen unserer Gesellschaft stehen.“ - so die Ankündigung kurz nach dem Rücktritt zu Guttenbergs. Die Liste der zur Überprüfung vorgeschlagenen Arbeiten liest sich wie ein Who is Who der deutschen Repräsentanten-Liga.

Ob das Ziel, all diese Dissertationen zu analysieren, tatsächlich gelingt, muss sich aber erst noch zeigen. Die Autoren der vorgeschlagenen Arbeiten sind zwar einflussreiche öffentliche Personen aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und Kirchen, doch sie haben nicht unbedingt das Charisma und die Medienöffentlichkeit eines zu Guttenberg. Das könnte schnell demotivierend wirken. Andererseits ist es kein Sysiphos-Aufwand, Arbeiten, deren Text erst mal elektronisch vorliegt, einer schnellen, software-basierten Verdachtsprüfung zu unterziehen. Die Mitstreiter des PlagiPedi-Wikis werden dazu wohl vor allem auf den Webservice von PlagScan setzen, der sich beim GuttenPlag-Wiki bewährt hat. Der sonst kostenpflichtige Service möchte dem PlagiPedi-Wiki offenbar freie Ressourcen einzuräumen - wovon der Service selbst wieder profitiert, da er dadurch bekannter wird. Denn würden alle Dissertationen solche Checks durchlaufen, wären Patchwork-Arbeiten wie die von zu Guttenberg gar nicht mehr möglich.

Plagiat-Dokumentation von Doktorarbeiten sind natürlich längst nicht der einzige mögliche Einsatzzweck investigativer Wikis. Ein anderes Beispiel ist die 2010 gestartete Lobbypedia. In diesem Wiki geht es darum, wer wie wann im Hintergrund politische und gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst. Getragen wird das Projekt von einem unabhängigen Verein. Derzeit (März 2011) besteht es noch aus einem kleinen, festen Autorenteam, das für Struktur und Inhalte des Wikis sorgt. Nach und nach sollen jedoch auch andere Autoren zugelassen werden. Ein aktueller Schwerpunkt liegt im Öffentlichmachen der Planungs- und Durchsetzungszusammenhänge rund um das Stuttgart21-Projekt. Ein spektakulärer Aufdeckungs-Clou ist Lobbypedia bislang freilich noch nicht gelungen.

Die Beispiele von GuttenPlag/PlagiPedi und Lobbypedia gehen also durchaus unterschiedliche Wege, auch wenn sie ähnlich motiviert sind. Das Plagiat-Projekt setzt auf Crowdsourcing, während das Lobbypedia-Projekt die Arbeit eines engagierten, freiwilligen Redaktionsteams bevorzugt. In spektakuären Fällen wie der Dissertation des Barons liefert Crowdsourcing wie sich gezeigt unerreichbar schnelle und überzeugende Ergebnisse. Redaktionsteams wie bei Lobbypedia können dagegen eher beim Verfolgen jahrelang andauernder Prozesse punkten, wie beispielsweise dem S21-Projekt. Im Bereich Whistleblowing/Leaking-Dokumentation ist das öffentliche Bereitstellen von Inhalten in Wikis bei typischen Anbietern wie Wikileaks oder OpenLeaks derzeit erst mal auf Eis gelegt. Es wird sich zeigen, ob das der einzig richtige Weg ist.

Eines steht in jedem Fall fest: die Wahrheits-Wikis sind ein neuer, fester Bestandteil der Netzkultur, und ihr Einfluss auf das Weltgeschehen wird wachsen.

Danke an @editorei wegen dem Hinweis auf Lobbypedia!

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